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Wissen skl / DFN-Redaktion · 20. October 2026, 16:34 Uhr · 4 Min. Lesezeit
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2022 zeigt, welches Zinsrisiko Target-Date-Funds verstecken

Target-Date-Funds nehmen Ihnen Entscheidungen ab. Genau dadurch kann eine stille Umschichtung in Anleihen kurz vor dem Ruhestand riskant werden.

Illustration: 2022 zeigt, welches Zinsrisiko Target-Date-Funds verstecken

2022 passierte etwas, das viele Altersvorsorge-Prospekte nicht laut erzählen: Anleihen fielen, während Aktien ebenfalls unter Druck standen. Der Teil des Depots, der Sicherheit liefern sollte, verlor plötzlich selbst an Wert. Heute ist diese Episode mehr als ein Rückblick. Sie ist die Warnlampe für Target-Date-Funds, die kurz vor dem Ruhestand automatisch stärker in Anleihen umschichten.

Ein Target-Date-Fund ist ein Fonds mit Zieljahr. Wer etwa auf 2040 spart, wählt einen Fonds, dessen Mischung bis dahin schrittweise vorsichtiger werden soll. Der Fachbegriff dafür lautet Glide Path. Er beschreibt den vorgegebenen Pfad, auf dem Aktienanteile sinken und Anleihenanteile steigen. Das klingt vernünftig. Es nimmt Entscheidungen ab, genau darin liegt die Verführung.

Sie sollen nicht jedes Jahr überlegen müssen, ob Ihr Depot noch zu Ihrem Alter passt. Sie sollen nicht bei jeder Börsenschwankung eingreifen. Sie sollen den Autopiloten laufen lassen. Produktverkäufer werden diese Ruhe betonen, und Ruhe hat in der Geldanlage einen Wert. Aber ein Autopilot ist nur so gut wie seine Programmierung.

Der Autopilot verkauft Risiko nicht, er tauscht es aus

Target-Date-Funds reduzieren mit zunehmendem Alter meist das Aktienrisiko. Das ist der sichtbare Teil. Der weniger sichtbare Teil heißt Zinsrisiko. Es entsteht, wenn Anleihen an Wert verlieren, weil Marktzinsen steigen. Je länger die Laufzeit einer Anleihe, desto stärker reagiert ihr Preis in der Regel auf Zinsänderungen. Diese Zinsempfindlichkeit heißt Duration.

Viele Anleger verbinden Anleihen mit Stabilität. Das ist verständlich, aber unvollständig. Eine Staats- oder Unternehmensanleihe kann pünktlich Zinsen zahlen und trotzdem im Kurs fallen. Wer kurz vor oder in der Entnahmephase steht, spürt solche Verluste stärker. Denn dann geht es nicht mehr nur um die Rendite über Jahrzehnte. Es geht um die Frage, wie viel Kaufkraft in den ersten Jahren des Ruhestands verfügbar ist.

Ein Beispiel, ausdrücklich nur als Beispiel: Ein Fonds verschiebt über Jahre von 80 Prozent Aktien und 20 Prozent Anleihen auf 45 Prozent Aktien und 55 Prozent Anleihen. Fällt der Aktienmarkt, hat der Fonds weniger Aktienrisiko als früher. Steigen aber zugleich die Zinsen, trifft der größere Anleihenblock das Depot. Der Anleger hat also nicht einfach Risiko abgebaut. Er hat ein sichtbares Risiko gegen ein leiseres getauscht.

Kurz beantwortet
  1. Was kauft ein Target-Date-Fund? Einen Mischfonds, der seine Aktien- und Anleihenquote an ein Zieljahr anpasst.
  2. Wo steckt das Zinsrisiko? Im wachsenden Anleihenanteil, dessen Kurs bei steigenden Marktzinsen fallen kann.
  3. Warum zählt Inflation? Sie senkt die Kaufkraft der Auszahlungen und kann höhere Zinsen begünstigen.

Inflation macht den Zieltermin unschärfer

Der Name eines Target-Date-Funds wirkt präzise. 2035, 2040 oder 2050 klingt wie ein Fahrplan. Ihr Leben hält sich aber selten an solche Etiketten. Vielleicht arbeiten Sie länger. Vielleicht gehen Sie früher in Rente. Vielleicht brauchen Sie in den ersten Jahren mehr Geld als gedacht. Inflation verschiebt diese Rechnungen zusätzlich.

Inflation ist nicht nur ein Statistikwert für die Schlagzeile. Sie entscheidet, was eine feste Auszahlung später kaufen kann. Wenn Preise über Jahre stärker steigen als erwartet, reicht dieselbe nominale Summe weniger weit. Nominal heißt: in Euro oder Dollar gezählt, ohne Kaufkraftverlust. Der Realzins ist der Zins nach Abzug der Inflation. Er zeigt, ob das Geld tatsächlich an Kaufkraft gewinnt.

Hier liegt die unbequeme Verbindung. Steigende Inflation kann Notenbanken zu höheren Leitzinsen drängen. Höhere Zinsen belasten oft bestehende Anleihen. Gleichzeitig frisst Inflation an der Kaufkraft des Vorsorgekapitals. Wer dann kurz vor dem Ruhestand automatisch mehr Anleihen hält, trifft auf zwei Fragen zur selben Zeit: Was ist mein Depot heute wert, und was kann ich damit morgen kaufen?

Die Bequemlichkeit trifft auf Ihre Psychologie

Target-Date-Funds passen gut zu unserer Trägheit. Das ist kein Vorwurf. Jeder Mensch hat begrenzte Aufmerksamkeit, und Altersvorsorge konkurriert mit Arbeit, Familie und Alltag. Der Fonds nutzt diesen Umstand produktiv. Er verhindert hektisches Umschichten aus Bauchgefühl.

Doch dieselbe Bequemlichkeit kann blind machen. Der Rückschaufehler flüstert Ihnen nach einer ruhigen Börsenphase zu, das System habe immer funktioniert. Herdentrieb beruhigt, weil viele Arbeitgeber, Plattformen und Berater ähnliche Lösungen bevorzugen. Verlustaversion sorgt dafür, dass ein Rückgang kurz vor Rentenbeginn stärker schmerzt als ein gleich großer Rückgang mit 35 Jahren. Dann wird aus einem Produkt, das Ruhe spenden soll, ein Auslöser für späte Zweifel.

Das Problem ist nicht der Fonds selbst, sondern die Gewohnheit, ihn als fertige Antwort zu behandeln. Anleihen haben einen Platz in vielen Vorsorgekonzepten. Sie können Schwankungen dämpfen, laufende Erträge liefern und die Abhängigkeit vom Aktienmarkt verringern. Der stärkste Einwand gegen die Kritik lautet daher: Ohne automatische Umschichtung würden viele Anleger zu lange zu viel Aktienrisiko tragen. Dieser Einwand ist ernst. Er widerlegt aber nicht das Zinsrisiko. Er zeigt nur, dass jedes vereinfachte Produkt ein anderes Risiko in den Hintergrund schiebt.

Welche Fragen Sie vor dem Ruhestand stellen sollten

Wer einen Target-Date-Fund beobachtet, braucht keine tägliche Marktmeinung. Nützlicher sind wenige harte Fragen. Wie hoch ist der Anleihenanteil heute? Welche Duration hat dieser Anteil? Stecken darin vor allem kurz laufende oder lang laufende Anleihen? Wie stark hängt der Fonds an nominalen Anleihen, und gibt es einen Anteil inflationsgeschützter Papiere?

Auch die Entnahmephase verdient mehr Aufmerksamkeit als der Zieljahr-Name. Manche Fonds bleiben nach dem Zieljahr weiter investiert und passen sich weiter an. Andere werden konservativer. Für Sie macht das einen Unterschied, weil der Ruhestand kein einzelner Tag ist. Er ist eine jahrzehntelange Auszahlungsphase mit unbekannten Preisen, unbekannter Gesundheit und unbekannten Märkten.

Die wichtigste Prüfung ist schlicht: Passt der voreingestellte Pfad zu Ihrem tatsächlichen Leben, oder nur zu Ihrem Geburtsjahr? Ein Fonds kann Ihr Alter kennen, aber nicht Ihre Miete, Ihre gesetzliche Rente, Ihre Risikotoleranz und Ihre Reaktion auf Verluste. Genau dort endet der Komfort und beginnt Urteilskraft.

Bequeme Altersvorsorge ist hilfreich, solange Sie den Autopiloten als Werkzeug behandeln und nicht als Ersatz für die Frage, welches Risiko gerade in Ihrem Depot sitzt.

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„Target-Date-Funds machen Altersvorsorge zu bequem und verdecken Zinsrisiken.“

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