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Krypto mth / DFN-Redaktion · 13. October 2026, 10:33 Uhr · 5 Min. Lesezeit
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91 Prozent der Katastrophenschäden unversichert. Blockchain hilft kaum

Tokenisierte Cat Bonds machen Katastrophenrisiken handelbarer. Doch im asiatisch-pazifischen Raum liegt der Engpass nicht im Zugang, sondern in der Deckung.

Illustration: 91 Prozent der Katastrophenschäden unversichert. Blockchain hilft kaum

2023 blieb im asiatisch-pazifischen Raum nach Naturkatastrophen fast der gesamte Schaden bei den Betroffenen hängen. Laut OECD waren 91 Prozent der Katastrophenschäden dort unversichert. Das ist die alte Welt dieses Marktes: Stürme, Fluten und Brände treffen Haushalte, Firmen und Staaten. Versicherer tragen nur einen Teil. Jetzt kommt die neue Welt mit einem vertrauten Versprechen aus dem Krypto-Milieu. Cat Bonds sollen auf die Blockchain, in kleinere Einheiten zerlegt und für mehr Käufer erreichbar werden. Der Zugang wird breiter. Das Sturmrisiko wird dadurch nicht kleiner.

Cat Bonds sind Katastrophen-Anleihen. Versicherer oder Rückversicherer geben damit Risiken aus Naturereignissen an Kapitalmarktinvestoren weiter. Tritt ein festgelegtes Ereignis ein, etwa ein Hurrikan oder ein Erdbeben, kann Kapital zur Deckung von Schäden verwendet werden. Bleibt das Ereignis aus, erhalten Investoren Zins und Rückzahlung nach den Bedingungen des Papiers. Der Markt klingt technisch. In Wahrheit handelt er mit einer sehr einfachen Frage: Wer trägt die Rechnung, wenn seltene Schäden plötzlich sehr groß werden?

Der Markt wächst, weil Versicherer Risiken weiterreichen

Die Nachfrage nach solchen Papieren kommt nicht aus einer Mode. Sie kommt aus einer Lücke. Naturkatastrophen verursachten im vergangenen Jahr wirtschaftliche Schäden von 220 Milliarden Dollar, wie CoinDesk unter Verweis auf Swiss Re berichtet. Versicherungen deckten davon nur 107 Milliarden Dollar. Der Rest blieb bei Haushalten, Unternehmen und Staaten. Diese Differenz ist kein Randproblem. Sie ist der Nährboden für einen Markt, der Risiken aus Versicherungsbilanzen in Portfolios schiebt.

Laut CoinDesk lag das ausstehende Volumen des Cat-Bond-Markts im Juni bei 65,6 Milliarden Dollar. Die Neuemissionen erreichten im zweiten Quartal 11,3 Milliarden Dollar. Artemis nannte das laut CoinDesk den höchsten Quartalswert der bisherigen Datenreihe. Versicherer haben also längst ein Ritual entwickelt: Wenn das Klima, die Bebauung und die Schadenssummen die Bilanzen belasten, suchen sie Kapital außerhalb des klassischen Versicherungskreises.

Größenordnung
65,6 Mrd. Dollar

So groß war laut CoinDesk das ausstehende Volumen des Cat-Bond-Markts im Juni. Der Markt ist spezialisiert, aber nicht mehr klein.

Auf der anderen Seite sitzen Investoren, die eine eigene Sprache sprechen. Sie denken in Diversifikation, Renditeaufschlag und Korrelation. Für sie kann ein Sturmrisiko attraktiv wirken, weil es nicht direkt an den S&P 500 oder an Leitzinsen gekoppelt ist. Zwischen diesen Gruppen entsteht der Preis. Versicherer wollen Entlastung. Investoren wollen Prämien. Betroffene wollen Deckung. Diese drei Kreise überschneiden sich nur teilweise.

Tokenisierung öffnet die Tür, aber sie verändert den Sturm nicht

Harneys und droppRWA planen laut CoinDesk, Anfang 2027 tokenisierte Cat Bonds auszugeben. Tokenisierung bedeutet hier: Ansprüche an einem Vermögenswert werden digital auf einer Blockchain abgebildet. Das kann kleinere Eigentumseinheiten ermöglichen. Ein Markt, der bisher institutionell und schwer zugänglich war, könnte dadurch mehr Teilnehmer bekommen.

Das ist der Teil der Geschichte, den Krypto-Anbieter gut erzählen können. Sie sprechen von Zugang, Effizienz und neuen Käufergruppen. In ihrer Welt gilt Fragmentierung oft als Fortschritt. Was früher ein großer Block war, wird in digitale Stücke zerlegt. Was früher nur wenige kaufen konnten, passt plötzlich in mehr Depots. Diese Erzählung hat Kraft, weil sie an ein echtes Problem andockt: Viele Spezialmärkte sind teuer, intransparent und nur für große Adressen praktikabel.

Doch bei Cat Bonds liegt der Engpass nicht nur in der Mindestgröße eines Anteils. Er liegt in der Bewertung eines Ereignisses, das selten ist, aber teuer werden kann. Ein kleinerer Anteil an einem falsch verstandenen Risiko bleibt ein falsch verstandenes Risiko. Die Blockchain verteilt Eigentum. Sie berechnet keinen Hurrikanpfad. Sie füllt keine historischen Schadendaten auf. Sie entscheidet auch nicht, ob ein Modell die nächste Schadensserie besser trifft als die alte.

Die Datenlücke ist älter als die Blockchain

Die OECD verweist laut CoinDesk auf begrenzte Schadendaten und Katastrophenmodelle als Problem, besonders in Regionen mit großen Versicherungslücken. Das klingt nüchtern, ist aber der Kern. Wer seltene Naturereignisse bepreist, braucht Modelle. Diese Modelle brauchen Daten. Wo Daten dünn sind, wächst der Interpretationsspielraum. Genau dort wird aus Finanztechnik eine Kulturfrage.

Versicherungsleute achten auf Exponierung, Deckungsgrenzen und Schadenhistorie. Krypto-Leute achten auf Abwicklung, Eigentumsnachweis und Handelbarkeit. Kapitalmarktleute achten auf Spread, Laufzeit und Portfoliowirkung. Alle drei Gruppen können denselben Token betrachten und etwas anderes sehen. Für die eine Gruppe ist er eine Versicherungsschicht. Für die zweite ist er ein digitaler Vermögenswert. Für die dritte ist er ein Renditebaustein mit Sonderrisiko.

Diese Silos sind nicht harmlos. Wenn ein Produkt in eine neue Käufergruppe wandert, wandert auch die Deutung des Risikos. Ein institutioneller Cat-Bond-Käufer hat oft eigene Modelle, Berater und Risikokomitees. Kleinere Käufer können Zugang bekommen, ohne dieselbe Infrastruktur zu haben. Das muss nicht zwangsläufig schlecht sein. Es macht die Offenlegung und die Produktstruktur aber wichtiger, nicht weniger wichtig.

Worauf jetzt achten
  • Frühes 2027: Harneys und droppRWA planen laut CoinDesk tokenisierte Cat Bonds. Die Ausgestaltung zeigt, ob es nur um Vertrieb geht oder auch um bessere Transparenz.
  • Regeln: CoinDesk betont, dass Wertpapier-, Versicherungs- und Anlegerschutzregeln gelten. Entscheidend wird, welche Käufergruppen tatsächlich zugelassen werden.
  • Datenbasis: Die OECD verweist auf begrenzte Schadendaten und Katastrophenmodelle. Ohne robuste Annahmen bleibt auch ein digitaler Anteil schwer zu bewerten.

Mehr Käufer können auch mehr Missverständnisse schaffen

Das stärkste Argument für tokenisierte Cat Bonds verdient Respekt. Wenn mehr Kapital in Katastrophenrisiken fließt, können Versicherer Risiken breiter verteilen. Das kann theoretisch helfen, Deckungslücken zu verringern. Gerade in Regionen, in denen Schäden oft unversichert bleiben, klingt zusätzliches Kapital nicht wie ein Luxus. Es klingt wie eine Brücke.

Nur trägt diese Brücke nicht automatisch. Kapital fließt dorthin, wo Risiko und Preis zusammenpassen. Wenn die Prämie zu niedrig ist, ziehen sich Käufer nach den ersten Verlusten zurück. Wenn die Prämie hoch genug ist, wird die Deckung für Versicherer und am Ende für Kunden teuer. Die soziale Lücke und die Renditelogik sind also nicht identisch. Mehr Handelbarkeit kann Liquidität schaffen. Sie kann aber auch eine trügerische Nähe erzeugen, als sei ein Katastrophenrisiko nur ein weiterer Token mit einer netten Geschichte.

Der Markt kennt solche Verschiebungen. Ein Produkt entsteht in einem spezialisierten Kreis. Dann bekommt es eine neue Verpackung. Danach treten Käufer auf, die vor allem die Verpackung verstehen. Bei Cat Bonds ist dieser Ablauf besonders heikel, weil der Verlustfall nicht graduell eintreten muss. Ein Ereignis kann die gesamte Erzählung in wenigen Tagen testen.

Tokenisierte Cat Bonds sind deshalb kein Unsinn. Sie sind auch kein Durchbruch gegen Naturkatastrophen. Sie sind ein Vertriebs- und Abwicklungsversuch in einem Markt, dessen schwierigste Arbeit vor dem Token beginnt: Schäden messen, Modelle prüfen, Verträge verstehen und die Grenze zwischen versichertem Risiko und sozialem Verlust sauber ziehen. Wenn die Blockchain mehr Menschen an diesen Markt heranführt, muss sie mehr erklären als Eigentum. Sonst demokratisiert sie vor allem die Möglichkeit, ein seltenes Risiko falsch zu verstehen.

mth.
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