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Wissen skl / DFN-Redaktion · 1. September 2026, 13:04 Uhr · 5 Min. Lesezeit
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Der Indexfonds wird 50: Warum passiv nie wirklich passiv ist

Indexfonds haben Gebühren gedrückt und Anlegern geholfen. Doch Preise entstehen weiter aktiv. Nur entscheiden heute weniger Hände und wenige Termine mehr.

Illustration: Der Indexfonds wird 50: Warum passiv nie wirklich passiv ist

Der Geburtstag des Indexfonds lädt zu einer bequemen Legende ein. Man kauft den Markt, schaltet den Kopf aus und lässt die Maschine laufen. Diese Legende ist nützlich für Produktwerbung. Sie ist aber nicht ganz wahr. Der Indexfonds senkte Kosten radikal, aber er schaffte die aktive Preisbildung nicht ab. Er verlagerte sie auf weniger Akteure und auf wenige Momente.

Genau dort liegt die bessere Frage für Sie als Beobachter. Nicht: Ist passiv besser als aktiv? Sondern: Wo steckt die aktive Entscheidung, wenn ein Produkt passiv heißt?

Die Revolution begann mit einer unbequemen Kostenfrage

Ein Indexfonds ist ein Fonds, der einen Marktindex nachbildet, etwa den S&P 500. Passiv heißt dabei: Der Fondsmanager sucht nicht einzelne Aktien aus, sondern folgt einer vorher festgelegten Liste und deren Regeln.

1976 brachte Vanguard mit dem First Index Investment Trust einen Indexfonds für Privatanleger auf den Markt. Später wurde daraus der Vanguard 500 Index Fund. Die Idee wirkte damals fast beleidigend schlicht. Wenn die meisten Profis nach Kosten schlechter abschneiden als der Markt, warum nicht den Markt selbst möglichst billig kaufen?

Der Start war kein Triumphzug. Die erste Platzierung brachte nur rund 11 Millionen Dollar ein, deutlich weniger als erhofft. Kritiker spotteten über Mittelmaß als Produkt. Aus heutiger Sicht sieht das komisch aus. Genau hier lauert der Rückschaufehler: Was heute selbstverständlich wirkt, war damals eine Provokation.

Index·fonds, der

Ein Indexfonds bildet einen Börsenindex nach. Er kauft die Wertpapiere nach festen Regeln und vermeidet die laufende Einzeltitelauswahl durch einen Fondsmanager.

Siehe auch: ETF · Marktkapitalisierung

Die eigentliche Leistung war nicht Magie, sondern Kostendisziplin. Weniger Handel, weniger Analyseapparat, weniger Vertriebsmarge. Für viele Anleger war das entscheidend. Nicht weil der Index schlauer war, sondern weil die Gebühren weniger vom Ergebnis fraßen.

Passiv heißt nicht entscheidungsfrei

Der Begriff „passiv“ klingt, als verschwände jede Entscheidung. Das stimmt nicht. Die Entscheidungen wandern nur eine Ebene höher.

Jemand entscheidet, welcher Index zählt. Jemand legt fest, welche Aktien hineinkommen. Jemand definiert, ob die größten Unternehmen nach Börsenwert stärker gewichtet werden. Und Sie entscheiden, ob Sie breite Aktienmärkte, einzelne Länder, Branchen, Anleihen oder Themen abbilden.

Auch ein S&P-500-Fonds ist keine neutrale Naturgewalt. Der S&P 500 umfasst große US-Unternehmen nach festgelegten Kriterien. Er ist damit ein Ausschnitt des globalen Kapitalmarkts. Er gewichtet die größten Firmen besonders stark. Wenn wenige Technologiekonzerne stark steigen, wächst ihr Gewicht automatisch. Der Fonds folgt dann den Gewinnern, ohne sie aktiv auszuwählen.

Das ist kein Fehler. Es ist die Mechanik. Aber wer sie nicht versteht, verwechselt Einfachheit mit Risikolosigkeit. Genau an dieser Stelle greifen Produktverkäufer gern zur angenehmen Abkürzung: breit, billig, automatisch. Das klingt wie Schutz. Es kann auch Konzentration verdecken.

Die Preise setzen die Anleger am Rand

Preisbildung bedeutet: Der Markt findet einen Preis, zu dem Käufer und Verkäufer tatsächlich handeln. Indexfonds nehmen diese Arbeit nicht vollständig ab. Sie handeln meist nach Regeln. Den Preis bestimmen aber die Marktteilnehmer, die gerade bereit sind, zu kaufen oder zu verkaufen.

Ein einfaches Beispiel zeigt die Verschiebung. Angenommen, eine Aktie ist in einem Index mit 2 Prozent gewichtet. Fließen 1 Milliarde Dollar in Fonds, die diesen Index exakt nachbilden, kaufen sie rechnerisch für 20 Millionen Dollar diese Aktie. Der Fonds fragt nicht, ob sie günstig oder teuer wirkt. Doch der Kurs, zu dem die 20 Millionen Dollar umgesetzt werden, entsteht durch aktive Verkäufer, Market Maker und Händler. Market Maker sind Firmen, die laufend Kauf- und Verkaufspreise stellen.

Hintergrund

Passives Geld ist oft regelgebundenes Geld. Aktiv ist der Rand: Dort, wo neue Informationen, Zuflüsse, Abflüsse und Indexänderungen auf begrenzte Liquidität treffen. Je mehr Geld automatisch folgt, desto wichtiger werden die wenigen Akteure, die noch Preise prüfen und Risiko übernehmen.

Besonders sichtbar wird das bei Indexaufnahmen und Indexanpassungen. Wenn eine Aktie in einen wichtigen Index kommt, müssen viele Fonds sie kaufen, weil ihre Regeln es verlangen. Wenn sie herausfällt, müssen sie sie abbilden, indem sie sie reduzieren oder ganz entfernen. Diese Momente sind nicht passiv. Sie sind hochgradig mechanisch und deshalb für andere Marktteilnehmer planbar.

Hier liegt der spitze Punkt: Der Indexfonds demokratisierte den Zugang zum Markt. Er konzentrierte aber Teile der Preissetzung auf weniger Schultern. Große aktive Anleger, Hochfrequenzhändler, Market Maker und Indexanbieter gewinnen an Bedeutung, weil viele andere Marktteilnehmer bewusst nicht mehr urteilen.

Das Gegenargument ist ernst: Zu viel Passivität kann stumpf machen

Das stärkste Gegenargument lautet: Wenn zu viel Geld blind einem Index folgt, reagieren Kurse schwächer auf Unternehmensdaten. Dann können Fehlbewertungen länger bestehen. Dieses Argument verdient Respekt.

Die späten 1990er Jahre liefern ein brauchbares historisches Beispiel. Große Technologieaktien wurden immer schwerer in wichtigen Indizes. Indexfonds hielten sie weiter, weil die Regeln es verlangten. Die eigentliche Übertreibung entstand aber nicht durch den Indexfonds allein. Sie entstand, weil aktive Käufer immer höhere Preise akzeptierten. Der passive Teil verstärkte die Gewichtung. Er erfand die Euphorie nicht.

Das ist die nüchterne Balance. Passives Investieren kann Herdenbewegungen sichtbarer machen. Es ist aber nicht die einzige Herde. Aktive Fonds können genauso geschlossen falschen Geschichten folgen. Der Herdentrieb trägt nur ein anderes Etikett.

Was Beobachter jetzt anders fragen sollten

Für Sie ist die wichtigste Frage nicht, ob ein Fonds passiv heißt. Die wichtigere Frage lautet: Welche Regel steuert ihn, und wann zwingt diese Regel zum Handeln?

Schauen Sie auf drei Punkte. Erstens: Wie breit ist der Index wirklich? Zweitens: Wie stark hängen die größten Positionen vom jüngsten Kurserfolg ab? Drittens: Welche Termine können automatische Käufe oder Verkäufe auslösen, etwa Indexanpassungen oder große Umschichtungen zum Quartalsende?

„Passiv senkt die Kosten. Es ersetzt aber nicht das Nachdenken über Regeln, Konzentration und Timing.“

Zum Mitnehmen

Der Indexfonds wurde groß, weil er eine ehrliche Schwäche der Finanzbranche ausnutzte: Viele aktive Produkte waren zu teuer für das, was sie lieferten. Diese Kritik bleibt gültig. Nur sollten Sie daraus keine neue Bequemlichkeit bauen. Ein günstiges Produkt kann trotzdem einen teuren Markt abbilden. Ein breiter Name kann trotzdem von wenigen Aktien geprägt sein.

Wenn New York um 15:30 Uhr deutscher Zeit öffnet, zeigt sich diese Mechanik wieder im Alltag. Nicht jede Kursbewegung erzählt eine große Geschichte. Manche entstehen, weil Regeln, Zuflüsse und Liquidität zur gleichen Zeit aufeinandertreffen. Wer den Markt beobachtet, schaut deshalb nicht nur auf das Etikett „passiv“. Er schaut auf die Stellen, an denen die Maschine handeln muss.

skl.
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