Die Börse wünscht sich schwache Jobs. Die Löhne stören

Am Freitag schaut der Markt auf die US-Jobdaten und hofft auf eine fast unanständige Wohltat: weniger neue Stellen. Die Logik ist einfach. Ein schwächerer Arbeitsmarkt soll der US-Notenbank Fed, also der Hüterin des Leitzinses, die Tür zu niedrigeren Zinsen öffnen. Doch diese Logik unterschlägt die unbequemere Zahl. Bei erwarteten 0,3 Prozent Monatsplus bei den durchschnittlichen Stundenlöhnen bleibt die Fed-Gleichung strenger, als der Börsenreflex vermuten lässt.
Der Markt verwechselt weniger Jobs mit weniger Inflation
Die Börse liebt klare Geschichten. Schwache Beschäftigung bedeutet weniger Nachfrage. Weniger Nachfrage bedeutet weniger Preisdruck. Weniger Preisdruck bedeutet niedrigere Zinsen. So klingt das Lehrbuch, wenn man es mit geschlossenen Augen liest.
Der Arbeitsmarkt liefert aber zwei Signale. Die Zahl der neu geschaffenen Stellen zeigt, wie kräftig Firmen noch einstellen. Die durchschnittlichen Stundenlöhne zeigen, wie teuer Arbeit wird. Für die Fed zählt beides, weil Löhne nicht nur Einkommen sind. Sie sind auch Kosten.
Wenn Firmen weniger neue Leute einstellen, aber bestehende Mitarbeiter weiter spürbar teurer werden, ist das kein sauberer Abschwung. Es ist eher ein Arbeitsmarkt, der an Tempo verliert, aber seine Preissetzungsmacht behält. Genau dort wird es für die Zinshoffnung heikel.
„Weniger neue Jobs sind ein Zinssignal. Steigende Löhne sind ein Inflationssignal. Am Freitag zählt der Widerspruch.“
Zum Mitnehmen
Die Lohnzahl ist klein, aber sie rechnet sich groß
0,3 Prozent Monatsplus klingt harmlos. Die Börse hat sich an solche Dezimalstellen gewöhnt wie an höfliche Tischmanieren. Doch aufs Jahr hochgerechnet ergibt ein solcher Monatszuwachs eine Größenordnung, die nicht nach vollständig besiegter Inflation riecht.
Ein einfaches Beispiel zeigt die Mechanik. Verdient ein Arbeitnehmer 30 Dollar pro Stunde, erhöht ein Plus von 0,3 Prozent den Stundenlohn um 9 Cent. Das wirkt gering. Wiederholt sich dieser Schritt Monat für Monat, steigt der Stundenlohn über zwölf Monate aber deutlich mehr als nur um ein paar Münzen. Für ein Unternehmen mit vielen Beschäftigten wächst daraus ein Kostenblock.
Unternehmen können darauf auf drei Arten reagieren. Sie nehmen geringere Margen hin. Sie erhöhen Preise. Oder sie sparen an anderer Stelle. Für die Fed ist vor allem die zweite Variante gefährlich. Sie hält die Inflation in Dienstleistungen zäh, weil dort Arbeit oft der wichtigste Kostenfaktor ist.
Genau deshalb ist die Lohnzahl nicht Beiwerk. Sie ist der Teil des Arbeitsmarktberichts, den der Markt gern überblättert, wenn die Beschäftigungszahl die gewünschte Zinsgeschichte erzählt.
„Eingepreist“ ist das Schlafmittel vor den Daten
Das Lieblingswort der Woche dürfte „eingepreist“ lauten. Es bedeutet, dass der Markt eine Erwartung bereits in die Kurse übernommen habe. Schwächere Jobdaten wären demnach keine Überraschung mehr, sondern nur noch die Bestätigung einer schon gekauften Hoffnung.
Diese Vokabel beruhigt. Sie erklärt aber weniger, als sie verspricht. Denn eingepreist ist selten der ganze Bericht. Häufig ist nur die angenehme Hälfte eingepreist. Der Markt preist den schwächeren Stellenaufbau ein, nicht aber zwingend einen Lohntrend, der die Fed zur Geduld zwingt.
Die Geschichte kennt diesen Fehler. In den 1970er-Jahren suchten Investoren immer wieder nach dem Ende des Zinsdrucks, sobald Konjunkturdaten nachgaben. Die Inflation verschwand aber nicht automatisch, nur weil Wachstum schwächer wurde. Die damalige Lage war extremer als heute. Der Punkt bleibt trotzdem gültig: Ein langsamerer Arbeitsmarkt ist nicht dasselbe wie stabile Preise.
Der Zins ist die Schwerkraft aller Vermögenspreise. Wer nur auf die Beschäftigungszahl schaut, prüft den Himmel und vergisst den Boden.
Das stärkste Argument der Zinssucher lautet: Ein schwächerer Arbeitsmarkt wirkt mit Verzögerung auch auf die Löhne. Firmen stellen zuerst weniger ein, später verlieren Arbeitnehmer Verhandlungsmacht. Der Punkt ist ernst zu nehmen: Wenn die Beschäftigung deutlich nachgibt, kann die Lohnzahl bald folgen. Nur ist das am Freitag noch nicht bewiesen, solange die Stundenlöhne weiter solide steigen.
Die Fed braucht Entspannung, nicht nur eine schlechtere Schlagzeile
Die Fed kann einen schwächeren Arbeitsmarkt nicht ignorieren. Ihr Auftrag umfasst auch Beschäftigung. Doch ihr Inflationsproblem ist noch nicht allein eine Frage der Güterpreise. In vielen Dienstleistungsbereichen entscheidet der Lohn über den Preis. Dort hilft eine mildere Stellenzahl nur begrenzt, wenn die Gehaltsdynamik bleibt.
Das macht den Freitag so interessant. Eine schwache Zahl bei den neuen Stellen könnte zunächst den bekannten Reflex auslösen. Aktien mögen niedrigere Diskontsätze, also niedrigere Zinssätze für die Bewertung künftiger Gewinne. Anleihen mögen die Aussicht auf Zinssenkungen. Der Dollar kann unter Druck geraten, wenn der Markt niedrigere US-Zinsen erwartet.
Doch dieser Reflex steht unter Vorbehalt. Zeigen die Stundenlöhne das erwartete Plus, oder fallen sie sogar stärker aus, bekommt die erste Marktbewegung ein Problem. Dann wäre der Arbeitsmarkt nicht heiß, aber auch nicht kalt genug. Für eine Notenbank ist das die unangenehmste Temperatur.
Der Konsens hofft auf Schwäche, weil Schwäche nach Entlastung klingt. Wir halten das für zu bequem. Am Freitag geht es nicht darum, ob die US-Wirtschaft ein wenig langsamer läuft. Es geht darum, ob der Preis der Arbeit endlich zur Inflationsgeschichte passt.
Bis zur Wall-Street-Eröffnung um 15:30 Uhr deutscher Zeit dürfte Europa vor allem Erwartungen handeln. Danach testet New York, ob die Börse den ganzen Bericht liest oder nur die Zeile, die ihr gefällt.







