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Wissen jvt / DFN-Redaktion · 27. August 2026, 10:06 Uhr · 4 Min. Lesezeit
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Die Durchschnittsrendite täuscht: Warum Verluste Depots härter treffen

Durchschnittswerte beruhigen. Doch echte Depots scheitern oft an Reihenfolge, Verlusttiefe und Zeit. Dort beginnt die ehrlichere Risikorechnung.

Illustration: Die Durchschnittsrendite täuscht: Warum Verluste Depots härter treffen

Die Börse liebt Durchschnittswerte. Sie klingen sauber, vergleichbar und wissenschaftlich. Doch sie lassen genau das verschwinden, was private Anleger am stärksten trifft: tiefe Verluste, lange Wartezeiten und die falsche Reihenfolge der Renditen. Die bessere Frage lautet deshalb nicht: Wie hoch war die durchschnittliche Rendite? Sie lautet: Wie viel Kapital bleibt nach dem Weg durch Gewinn und Verlust tatsächlich übrig? Die Kernaussage ist einfach: Durchschnittsrenditen beschönigen Risiko, weil echte Depots an Verlusttiefe, Zeit und Reihenfolge hängen.

Der Durchschnitt glättet genau das, was im Depot weh tut

Ein Durchschnitt ist kein Kontostand. Er ist eine Rechenhilfe. Das klingt harmlos, wird an der Börse aber schnell gefährlich.

Ein Beispiel zeigt den Bruch. Ein Depot steigt im ersten Jahr um 10 Prozent. Im zweiten Jahr fällt es um 10 Prozent. Die einfache Durchschnittsrendite liegt bei null Prozent. Das Depot steht aber nicht bei null Veränderung. Aus 100 werden erst 110. Danach werden aus 110 nur noch 99. Der Anleger hat 1 Prozent verloren.

Der Unterschied entsteht, weil Verluste auf ein bereits verändertes Kapital wirken. Die arithmetische Rendite ist der einfache Durchschnitt einzelner Jahreswerte. Die geometrische Rendite zeigt, was aus dem Kapital über mehrere Perioden wirklich geworden ist. Für echte Depots zählt die zweite Zahl.

„Der Durchschnitt beruhigt den Kopf. Der Depotwert zeigt die Wahrheit.“

Zum Mitnehmen

Diese Lücke wächst mit der Schwankung. Volatilität, also das Ausmaß der Kursschwankungen, ist deshalb nicht nur ein Nerventhema. Sie frisst mathematisch am Endwert, wenn Gewinne und Verluste stark pendeln.

Ein Verlust braucht mehr Kraft als der vorherige Gewinn

Die Börse ist bei Verlusten asymmetrisch. Ein Rückgang um 50 Prozent braucht danach einen Anstieg um 100 Prozent, nur um den Ausgangspunkt wieder zu erreichen. Ein Rückgang um 30 Prozent braucht rund 43 Prozent Erholung. Ein Rückgang um 20 Prozent braucht 25 Prozent.

Diese Zahlen wirken banal. Sie erklären aber, warum schwere Einbrüche viel länger nachwirken, als Durchschnittstabellen suggerieren. Ein Markt kann über lange Zeit ordentliche Jahreswerte liefern und trotzdem für viele Anleger enttäuschend bleiben, wenn der Einstieg nahe einem Hoch lag.

Der Drawdown ist der Kursrückgang vom Hoch bis zum späteren Tief. Er misst nicht die übliche Schwankung, sondern den maximalen Schmerz einer Phase. Genau dieser Wert fehlt in vielen Hochglanzvergleichen. Dort steht gern, was ein Markt im langen Schnitt brachte. Seltener steht dort, wie lange Anleger zwischendurch unter Wasser lagen.

Draw·down, der

Ein Drawdown misst den Verlust vom letzten Hoch bis zum folgenden Tief. Er zeigt, wie tief ein Depot zwischenzeitlich fallen konnte, bevor eine Erholung begann.

Siehe auch: Volatilität · geometrische Rendite

Das ist kein Detail. Wer Kapital zu einem bestimmten Zeitpunkt braucht, lebt nicht im statistischen Durchschnitt. Er lebt mit dem Depotstand an diesem Tag.

Die Reihenfolge entscheidet über denselben Durchschnitt

Zwei Anleger können dieselbe durchschnittliche Rendite sehen und trotzdem völlig unterschiedliche Ergebnisse erleben. Der Grund liegt in der Renditereihenfolge. Sie beschreibt, ob gute oder schlechte Jahre zuerst kommen.

Ohne Einzahlungen und Entnahmen ist die Reihenfolge mathematisch weniger wichtig. Die Multiplikation derselben Jahresrenditen führt zum gleichen Endwert. Im echten Leben gilt diese saubere Annahme selten. Menschen sparen regelmäßig, entnehmen Geld, wechseln Jobs, kaufen Immobilien oder finanzieren den Ruhestand. Dann verändert die Reihenfolge das Ergebnis deutlich.

Wer in einer schwachen Marktphase weiter Geld ansammelt, kauft später mehr Anteile für denselben Betrag. Das kann helfen, wenn die Erholung kommt. Wer dagegen in einer schwachen Phase Geld entnehmen muss, verkauft mehr Anteile, um denselben Eurobetrag zu erhalten. Dann bleibt weniger Kapital für die spätere Erholung übrig.

Genau deshalb ist die Frage nach der Durchschnittsrendite zu klein. Sie behandelt Anleger wie zeitlose Rechenpunkte. Märkte handeln aber in Kalendern, Lebensphasen und Liquiditätszwängen. Das ist weniger elegant als eine Langfristgrafik. Es ist aber näher an der Realität.

Die Geschichte zeigt lange Nullstrecken statt glatter Linien

Historische Episoden machen die Mechanik sichtbar. Nach dem Hoch der Dotcom-Ära brauchte der Nasdaq Composite viele Jahre, um seinen alten Stand wieder zu erreichen. Der Index enthielt echte Zukunftsfirmen. Das half Anlegern wenig, die zu hohe Preise bezahlt hatten und danach lange auf den alten Depotwert warteten.

Japan liefert ein noch härteres Beispiel. Nach dem Boom der achtziger Jahre blieben japanische Aktien über Jahrzehnte unter ihrem alten Hoch. Die Wirtschaft verschwand nicht. Unternehmen produzierten weiter. Doch Bewertung, Demografie, Schulden und schwaches Wachstum drückten die Renditeerfahrung einer ganzen Anlegergeneration.

Beide Beispiele zeigen denselben Punkt. Gute Geschichten ersetzen keinen Einstiegspreis. Große Märkte können lange recht behalten und trotzdem sehr spät auszahlen. Der Durchschnitt über sehr lange Zeiträume verdeckt diese Wartezeit.

Das ist die blinde Stelle vieler Marktargumente. Sie beginnen mit einem Satz wie: Langfristig steigen Aktien. Historisch ist das für breite Märkte oft richtig. Unvollständig bleibt es trotzdem. Denn langfristig ist kein Termin. Und Verlusttiefe entscheidet darüber, ob ein Anleger den langen Zeitraum überhaupt durchhält.

Was Beobachter daraus lernen

Eine ehrlichere Risikorechnung stellt drei Fragen. Wie tief kann ein Markt fallen? Wie lange kann die Erholung dauern? Und welche Geldflüsse treffen in diese Phase?

Wer Märkte beobachtet, achtet deshalb nicht nur auf Durchschnittsrenditen. Er schaut auch auf Bewertung, Konzentration, Kreditzyklus und die Abhängigkeit von wenigen großen Titeln. Diese Faktoren sagen nicht, wann ein Markt fällt. Sie zeigen aber, wie verletzlich ein Markt wird, wenn die Stimmung kippt.

Der Konsens erzählt gern die glatte Linie. Sie ist leicht zu verkaufen. Die bessere Analyse beginnt bei den Brüchen in dieser Linie. Dort entscheidet sich, ob aus einer statistisch ordentlichen Anlage eine tragbare Erfahrung wird. Durchschnittsrenditen sind nützlich. Sie sind nur nicht die Wahrheit, auf die ein echtes Depot am Ende antwortet.

jvt.
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