ETF-Liquidität: Der Fehler, den viele Anleger erst im Stress sehen

Der ETF gilt als die nüchterne Antwort auf teure Fonds und schlechte Prognosen. Er bildet einen Index ab, kostet wenig und lässt sich wie eine Aktie handeln. Das stimmt. Es ist aber nur die halbe Wahrheit. Die entscheidende Frage lautet: Wer kauft oder verkauft, wenn viele gleichzeitig durch dieselbe Tür wollen? Die Kernaussage ist einfach: Ein ETF ist nicht automatisch so liquide wie sein Name klingt. Seine wahre Liquidität hängt am Markt darunter und an den Händlern, die Preise stellen.
Der ETF ist nur die Verpackung, nicht der Inhalt
Ein ETF, kurz für börsengehandelter Indexfonds, bündelt viele Wertpapiere in einem handelbaren Produkt. Bei einem Aktien-ETF liegen darunter Aktien. Bei einem Anleihe-ETF liegen darunter Anleihen. Bei einem Rohstoff-ETF kann die Konstruktion wieder anders aussehen. Für den Käufer an der Börse fühlt sich das gleich an. Eine Kennnummer, ein Preis, ein Klick.
Diese Gleichförmigkeit ist bequem. Sie ist auch gefährlich. Denn die Verpackung handelt oft schneller als der Inhalt. Große Aktien aus bekannten Indizes wechseln laufend den Besitzer. Viele Unternehmensanleihen handeln dagegen unregelmäßig. Manche Papiere haben stundenlang oder tagelang keinen sauberen Marktpreis. Trotzdem zeigt der ETF sekündlich einen Börsenpreis. Das wirkt präziser, als es ist.
Hier liegt der erste Denkfehler. Viele Anleger verwechseln Handelbarkeit mit Liquidität. Handelbarkeit bedeutet: Es gibt einen Börsenkurs. Liquidität bedeutet: Eine größere Order kann zu fairen Kosten ausgeführt werden. Zwischen beiden Begriffen liegt im Stressfall ein breiter Graben. Die Finanzindustrie spricht darüber selten laut. Ein billiges Produkt verkauft sich besser, wenn niemand nach der Türbreite fragt.
Netto·inventar·wert, der
Der Nettoinventarwert ist der rechnerische Wert der Vermögenswerte in einem Fonds abzüglich Kosten und Verbindlichkeiten. Bei einem ETF ist er der theoretische Anker. Der Börsenpreis kann davon abweichen, wenn Handel, Bewertung oder Absicherung schwierig werden.
Siehe auch: Geld-Brief-Spanne · Sekundärmarkt
Warum der Preis im Stress nicht mehr brav am Index klebt
Im Normalbetrieb hält ein spezieller Mechanismus den ETF-Preis nahe am Wert seiner Bestandteile. Autorisierte Marktteilnehmer, also große Banken oder Händler mit direktem Zugang zum ETF-Anbieter, können ETF-Anteile schaffen oder zurückgeben. Sie liefern dafür den Wertpapierkorb oder erhalten ihn zurück. Dieser Prozess heißt Creation und Redemption. Er ist die unsichtbare Werkstatt hinter dem einfachen Börsenklick.
Wenn der ETF an der Börse teurer handelt als sein innerer Wert, können diese Händler neue ETF-Anteile schaffen und verkaufen. Wenn der ETF billiger handelt, können sie Anteile kaufen und gegen die Bestandteile eintauschen. Theoretisch drückt diese Arbitrage, also das Ausnutzen von Preisunterschieden, die Abweichung wieder zusammen.
Das Wort „theoretisch“ verdient hier Respekt. Arbitrage ist kein Naturgesetz. Sie ist ein Geschäft. Händler machen es nur, wenn Risiko, Kapitalbindung und Transaktionskosten passen. In ruhigen Märkten funktioniert das meist fast geräuschlos. In unruhigen Märkten wird der Korb darunter schwerer bewertbar. Die Absicherung kostet mehr. Die Geld-Brief-Spanne, also der Abstand zwischen Kauf- und Verkaufspreis, wird breiter. Dann verlangt der Markt einen Abschlag oder Aufschlag.
Ein einfaches Beispiel: Der Wertpapierkorb eines ETF ist rechnerisch 100 Geldeinheiten wert. Der ETF handelt an der Börse bei 99. Im Lehrbuch kauft ein Händler den ETF, tauscht ihn gegen den Korb und verdient die Differenz. In der Praxis fragt er zuerst: Kann ich die einzelnen Wertpapiere wirklich zu 100 verkaufen? Wenn diese Antwort unsicher ist, bleibt der Abschlag stehen.
Die ruhige Oberfläche kann eine Warnung sein
Das stärkste Gegenargument lautet: Gerade ETFs haben in Krisen oft mehr Transparenz geschaffen. Das stimmt in wichtigen Fällen. Besonders bei Anleihe-ETFs wurde sichtbar, dass die Fondsanteile handelten, während einzelne Anleihen darunter kaum noch saubere Preise hatten. Der ETF-Preis war dann nicht zwingend ein Fehler. Er war möglicherweise der ehrlichere Marktpreis.
Die Corona-Panik des Jahres 2020 lieferte dafür ein lehrreiches Beispiel. Einige Anleihe-ETFs handelten zeitweise unter ihren berechneten Nettoinventarwerten. Auf den ersten Blick sah das aus wie ein Produktproblem. Auf den zweiten Blick zeigte es ein Bewertungsproblem im Anleihemarkt. Die offiziellen Preise vieler Anleihen wirkten glatter als der Markt, der tatsächlich bereitstand. Der ETF war dann nicht der Brandstifter. Er war der Rauchmelder.
Für private Anleger ist diese Unterscheidung entscheidend. Ein Abschlag kann auf Panik hindeuten. Er kann aber auch eine nüchterne Risikoprämie sein. Wer beides verwechselt, hält jede Abweichung vom Nettoinventarwert für eine Gelegenheit. Das ist die bequemste und gefährlichste Lesart. Der Markt schuldet niemandem den theoretischen Wert aus der Fondstabelle.
Was das für Beobachter heißt
Wer ETFs verstehen will, sollte nicht nur auf Kostenquote und Indexnamen schauen. Die wichtigeren Fragen liegen tiefer. Was steckt im Fonds? Wie häufig handeln die Bestandteile? Wie breit ist die Geld-Brief-Spanne des ETF selbst? Wie viele Anbieter stellen regelmäßig Preise? Und wie groß ist der Fonds im Verhältnis zum Markt darunter?
Ein ETF auf große, liquide Aktien hat eine andere Mechanik als ein ETF auf Hochzinsanleihen, Nebenwerte oder Schwellenländerpapiere. Das Etikett „passiv“ sagt wenig über das Liquiditätsrisiko. Passiv ist die Regel, nach der gekauft wird. Nicht passiv ist der Markt, in dem verkauft werden muss.
Auch die Tageszeit zählt, ohne dass daraus eine Handelsregel wird. Ein ETF kann gehandelt werden, während wichtige Heimatbörsen seiner Bestandteile geschlossen sind. Dann beruht der Preis stärker auf Futures, Währungen, Schätzungen und Händlerbilanzen. Das ist nicht automatisch schlecht. Es bedeutet nur: Der sichtbare Preis enthält mehr Meinung, als der Indexname vermuten lässt.
Die wichtigste Beobachtung bleibt daher schlicht. In normalen Zeiten misst der ETF oft bequem den Index. In Stressphasen misst er zusätzlich die Zahlungsbereitschaft derjenigen, die den Markt machen. Genau dort endet die Werbebroschüre und beginnt die Marktmechanik. Für die nächste unruhige Marktphase zählt deshalb nicht die Frage, ob ein ETF handelbar ist. Er ist es fast immer. Die bessere Frage lautet: Zu welchem Preis und mit welchem Markt darunter?







