Hohe Aktienquoten machen ruhige Aktienmärkte anfällig

MarketWatch schreibt, Bullenmärkte neigten dazu, mit einem Wimmern zu enden, nicht mit einem Knall. Das trifft den Ton, klingt aber beinahe zu milde. Ein leises Hoch muss nicht sanfter sein. Es kann schlicht bedeuten, dass die Käufer schon im Saal sitzen und der Türsteher draußen wenig Kundschaft findet.
Der gefährlichste Markt ist selten der panische. Panik räumt auf, wenn auch mit unschönen Geräuschen. Der saturierte Markt ist höflicher. Er steht hoch, spricht gelassen und verwechselt volle Investition mit voller Überzeugung. Genau dort beginnt die Anfälligkeit, weil Kurse nicht nur gute Nachrichten brauchen. Sie brauchen neue Käufer, die diese Nachrichten noch nicht bezahlt haben.
Wenn viele investiert sind, wird jeder neue Käufer wertvoller
n-tv berichtet im Chart-Check über die aktuelle Folge des Podcasts „HSBC Daily Trading“. Darin analysiert Jörg Scherer, Leiter technische Analyse bei der HSBC, die Asset-Allocation-Umfrage der American Association of Individual Investors, kurz AAII. Schon die Überschrift bei n-tv setzt den Akzent: „Historisch hohe Aktienquoten!“
Eine hohe Aktienquote ist zuerst ein Kompliment an den Markt. Anleger haben Vertrauen gefasst. Sie halten einen großen Teil ihres Vermögens in Aktien. Das Problem liegt in der zweiten Ableitung, wie der Mathematiker sagen würde. Wer bereits stark investiert ist, kann den Markt nicht noch einmal mit derselben Kraft kaufen. Er kann halten, hoffen, recht behalten. Aber sein zusätzlicher Kaufdruck ist begrenzt.
Damit verschiebt sich die Statik. Ein Markt mit vielen Zweiflern besitzt Reserven. Skeptiker können später zu Käufern werden. Ein Markt mit vielen Bekehrten besitzt diese Reserve weniger. Die Mode nennt das gern „breite Teilnahme“. Ein älteres Wort wäre Sättigung. Es klingt unfreundlicher, beschreibt aber den Zustand genauer.
Hohe Aktienquoten spiegeln Vertrauen, starke Gewinne und die Erfahrung wider, dass Rücksetzer zuletzt oft gekauft wurden.
Wenn viele Anleger schon engagiert sind, sinkt die Zahl der Nachzügler. Dann reicht weniger Enttäuschung, um Kurse in Bewegung zu bringen.
Ruhige Hochs täuschen über den Mangel an Reserven hinweg
MarketWatch erinnert an einen Unterschied, den Börsenkommentare gern vergessen. Bärenmarkt-Tiefs enden oft mit einem Krampf der Verzweiflung, wenn Händler aufgeben und ihre Positionen hinwerfen. Bullenmarkt-Hochs verlaufen dagegen häufiger schleichend und weniger dramatisch.
Das ist eine unangenehme Diagnose, weil sie der üblichen Dramaturgie widerspricht. Anleger erwarten das Warnsignal gern als Sirene. Sie suchen den einen Schock, die eine Schlagzeile, den einen Auslöser. Doch ein Hoch muss sich nicht anmelden. Es kann einfach müder werden. Erst bleiben die Rückschläge klein. Dann tragen weniger Aktien den Index. Schließlich genügt eine Nachricht, die früher überhört worden wäre.
Der Zins spielt in dieser Geschichte die alte Rolle des Gerichtsdieners. Er fragt nicht nach dem Enthusiasmus der Gäste, sondern nach dem Preis der Zukunft. Wenn Aktienquoten hoch sind und Bewertungen viel Zuversicht enthalten, wirkt jede Veränderung der Zinsfantasie stärker. Das gilt nicht, weil der Markt plötzlich dümmer wird. Es gilt, weil er vorher sehr viel Klugheit schon eingepreist hat.
Das stärkste Gegenargument ist bequem, aber nicht leer
Natürlich kann eine hohe Aktienquote lange hoch bleiben. Märkte sterben nicht an Statistik allein. Wenn Gewinne steigen, Liquidität reichlich bleibt und die Konjunktur trägt, kann ein stark investiertes Publikum noch eine ganze Weile recht behalten. Die Geschichte kennt genug Phasen, in denen Warnungen vor Übermut zu früh kamen und darum falsch wirkten.
Dieses Gegenargument verdient Respekt. Es schützt vor der billigen Versuchung, jede Euphorie sofort für Torheit zu halten. Hohe Aktienquoten sind kein automatischer Verkaufsbefehl des Himmels. Sie sind ein Hinweis auf die Lage der Munition. Wer schon geschossen hat, kann weiter zielen. Er hat nur weniger Patronen für den nächsten Vorstoß.
MarketWatch hält laut eigener Überschrift sogar eine Korrektur des S&P 500 um 15 Prozent für möglich. Das ist keine Gewissheit, aber eine nützliche Größenordnung. Sie erinnert daran, dass Rücksetzer in Bullenmärkten nicht erst bei Weltuntergang beginnen. Manchmal genügt die nüchterne Einsicht, dass zu viele dieselbe Zuversicht bereits im Depot tragen.
Ein leiser Rücksetzer passt besser zu diesem Markt als der große Knall
Die Börse liebt große Erzählungen, weil sie kleine Mechaniken übertönen. Eine der kleinen Mechaniken lautet: Der nächste Käufer zählt mehr, wenn schon viele gekauft haben. Eine andere lautet: Ruhe ist keine Versicherung gegen Fallhöhe. Sie ist oft nur die akustische Begleitung eines Konsenses, der sich selbst genug geworden ist.
Darum wäre es falsch, nur auf den dramatischen Auslöser zu warten. Der saturierte Markt braucht keinen Schock von außen, um anfälliger zu werden. Er braucht nur einen Moment, in dem Halten nicht mehr reicht und frische Nachfrage ausbleibt. Genau diese Möglichkeit bestätigt die Beobachtung von MarketWatch, dass Bullenmärkte eher mit einem Wimmern enden als mit einem Knall.
„Hohe Aktienquoten machen ruhige Aktienmärkte anfälliger für Rücksetzer.“







