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Wissen skl / DFN-Redaktion · 15. October 2026, 10:33 Uhr · 5 Min. Lesezeit
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IWF warnt vor Staatsschulden und stellt Schutz durch Anleihen infrage

Aktien plus Anleihen wirken wieder vernünftig. Doch hohe Defizite und hartnäckige Inflation können genau den Teil belasten, der Ihr Depot beruhigen soll.

Illustration: IWF warnt vor Staatsschulden und stellt Schutz durch Anleihen infrage

Kristalina Georgiewa stand bei der IWF-Herbsttagung in Bangkok vor einem Problem, das viele Anleger gern ausblenden. Laut tagesschau.de forderte der Internationale Währungsfonds die Industriestaaten am 14. Oktober 2026 auf, Defizite zu senken und Schulden abzubauen. Die USA haben demnach die Marke von 40 Billionen Dollar Staatsschulden überschritten. Bis 2030 könnten es mehr als 52 Billionen Dollar werden.

Für ein 60/40-Portfolio klingt das zunächst weit weg. Die Mischung meint grob: 60 Prozent Aktien, 40 Prozent Anleihen. Viele Produktverkäufer werden sie Ihnen jetzt wieder als Rückkehr zur Vernunft anbieten. Nach Jahren niedriger Zinsen werfen Anleihen wieder mehr ab. Aktien liefern Wachstum. Anleihen sollen beruhigen. So lautet die saubere Broschürenversion.

Die unsaubere Frage ist wichtiger: Schützen Anleihen noch, wenn genau die Inflation und die Staatsschulden steigen, gegen die sie eigentlich Stabilität liefern sollen?

60/40 funktioniert nur, wenn der Schock zur Anleihe passt

Die alte Logik war einfach. Aktien leiden, wenn die Konjunktur kippt. Sichere Staatsanleihen steigen dann oft, weil Anleger Sicherheit suchen und die Notenbanken Zinsen senken. Sinkende Renditen bedeuten bei bestehenden Anleihen steigende Kurse. So federt der 40-Prozent-Teil den 60-Prozent-Teil ab.

Diese Mechanik schützt aber nicht gegen jeden Sturm. Sie hilft vor allem bei Wachstumsschocks. Wenn Firmen weniger verdienen und die Inflation fällt, können Anleihen glänzen. Bei Inflationsstress sieht es anders aus. Dann steigen Zinsen oft gerade deshalb, weil Geld an Kaufkraft verliert. Aktien geraten unter Druck, weil höhere Zinsen künftige Gewinne weniger wert machen. Anleihen fallen ebenfalls, weil ihre festen Zahlungen unattraktiver werden.

Das Jahr 2022 hat diese Schwäche sichtbar gemacht. Viele Anleger lernten damals schmerzhaft, dass „ausgewogen“ kein anderes Wort für „unverwundbar“ ist. Der Rückschaufehler macht diese Lektion heute kleiner, als sie war. Hinterher wirkt alles logisch. Vorher fühlt sich der Schutz oft sicherer an, als er ist.

Zwei Lager
Die Rückkehrer sagen

Höhere Anleiherenditen geben dem 40-Prozent-Baustein wieder Substanz. Das Portfolio muss nicht mehr allein von Aktiengewinnen leben.

Die Skeptiker halten dagegen

Wenn Inflation, Defizite und Zinsaufschläge gemeinsam steigen, können Aktien und Anleihen gleichzeitig verlieren. Dann ist die Mischung weniger Schutzschild als Etikett.

Die Staatsschulden machen den Anleiheteil politischer

Anleihen sind kein Naturgesetz. Sie sind Zahlungsversprechen. Bei Staatsanleihen hängt dieses Versprechen an Steuereinnahmen, Wachstum, Ausgaben und Vertrauen. Genau hier setzt die Warnung des IWF an.

Laut tagesschau.de sagte Georgiewa, die USA könnten ihr Schuldenproblem nicht allein durch Wirtschaftswachstum lösen. US-Finanzminister Scott Bessent erkenne an, dass Haushaltsdefizit und Gesamtverschuldung zu hoch seien. Das ist kein Randthema für Portfolios. Es betrifft den Preis des vermeintlich sicheren Bausteins.

Wenn Staaten dauerhaft mehr Kapital brauchen, konkurrieren sie mit Unternehmen und Haushalten um Ersparnisse. Anleger verlangen dann möglicherweise höhere Renditen. Diese Rendite ist der Zins, den ein Schuldner bieten muss, damit Käufer seine Anleihe halten. Steigt sie, fällt der Kurs älterer Anleihen. Wer nur auf den Kupon schaut, übersieht den Kurshebel.

Hier lauert eine zweite Verhaltensfalle. Viele Menschen behandeln Anleihen wie Festgeld mit Börsenkürzel. Das sind sie nicht. Eine Anleihe kann am Ende pünktlich zurückgezahlt werden und zwischendurch trotzdem deutlich schwanken. Für ein 60/40-Portfolio zählt beides: laufender Ertrag und Preisbewegung.

Der KI-Boom macht die Aktienseite nicht unabhängiger

Auch die Aktienseite kommt nicht ohne unbequeme Annahmen aus. Laut CoinDesk warnte BlackRock-Chef Larry Fink in einem CNBC-Interview, ein Moratorium für den Bau von US-Rechenzentren könne die USA in eine Rezession treiben. Rechenzentren sind die Gebäude mit Computern, die KI-Anwendungen antreiben.

Diese Aussage ist bemerkenswert, weil sie den Aktienoptimismus verwundbarer macht. Wenn ein Teil des Wachstums an Investitionen in Rechenzentren hängt, dann hängt auch ein Teil der Gewinnfantasie an Stromnetzen, Genehmigungen, Kapitalmärkten und öffentlicher Akzeptanz. CoinDesk verweist auf Moody’s: Die geplanten Investitionen in US-Rechenzentren sollen in diesem Jahr 700 Milliarden Dollar erreichen und bis 2030 auf bis zu 2,48 Billionen Dollar steigen.

Fink widersprach laut CoinDesk der Kritik an Rechenzentren und sagte: „Data centers are not the problem.“ Zugleich berichtet CoinDesk über eine Pew-Umfrage, nach der mindestens 49 Prozent der Amerikaner Rechenzentren überwiegend negativ für Umwelt, Energiekosten und Lebensqualität in der Nähe bewerten.

Für Sie als Beobachter heißt das: Der Aktienanteil im 60/40-Portfolio hängt nicht nur an Gewinnen. Er hängt auch an der Frage, ob der große Investitionszyklus weiter politisch und gesellschaftlich toleriert wird. Der Herdentrieb macht daraus schnell eine einfache Geschichte: KI trägt den Markt, Anleihen sichern ab. Gerade einfache Geschichten verdienen die härtesten Fragen.

Die nächsten Termine
  • Thu 15.10., 14:30 Uhr: USA – Erzeugerpreise Kernrate (Monat) (erwartet 0,3 % nach 0,2 % zuvor)
  • Thu 15.10., 14:30 Uhr: USA – Einzelhandel Kernrate (Monat) (erwartet 0,6 % nach 1,4 % zuvor)
  • Thu 15.10., 14:30 Uhr: USA – Erzeugerpreise (Monat) (erwartet 0,6 % nach 0,4 % zuvor)
  • Thu 15.10., 14:30 Uhr: USA – Einzelhandelsumsätze (Monat) (erwartet 0,3 % nach 1,2 % zuvor)

Was Beobachter an 60/40 wirklich prüfen sollten

Die relevante Prüfung beginnt nicht bei der Prozentzahl. 60/40 klingt präzise, sagt aber wenig über die Risiken. Welche Anleihen stecken im Portfolio? Kurzläufer reagieren weniger stark auf Zinsänderungen als lange Laufzeiten. Unternehmensanleihen tragen zusätzlich Kreditrisiko. Inflationsgeschützte Anleihen verhalten sich anders als klassische Papiere.

Auch der Aktienanteil verdient einen Blick unter die Haube. Ein weltweiter Aktienkorb kann heute stärker von wenigen großen Technologiewerten geprägt sein, als viele Anleger vermuten. Dann sieht das Portfolio breiter aus, als es wirtschaftlich ist. Verlustaversion verschärft das Problem. Wer Schwankungen unterschätzt, verkauft oft erst dann, wenn der Schutz gebraucht würde.

Die nüchterne Frage lautet daher: Gegen welchen Schock soll die Mischung schützen? Gegen eine normale Konjunkturabkühlung kann 60/40 plausibel bleiben. Gegen eine Phase aus hartnäckiger Inflation, hohen Defiziten und steigenden Anleiherenditen ist die alte Formel viel weniger bequem.

Kurz beantwortet
  1. Warum ist 60/40 wieder im Gespräch? Anleihen bieten wieder mehr laufenden Ertrag, wodurch der defensive Portfolioanteil sichtbarer wird.
  2. Wo liegt das Risiko? Bei Inflationsstress können Aktien und Anleihen gemeinsam fallen, weil höhere Zinsen beide Seiten belasten.
  3. Welche Frage hilft am meisten? Nicht wie glatt die Mischung in der Vergangenheit aussah, sondern welcher Schock sie künftig treffen könnte.

Die Rückkehr von 60/40 ist also keine Rückkehr in eine alte Gewissheit. Sie ist ein Test, ob Anleger den Unterschied zwischen Diversifikation und echter Absicherung noch kennen. Wachstum helfe zwar, reiche aber nicht aus, sagte Georgiewa laut tagesschau.de.

skl.
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