Kann der BASF-Konzern Chemiefirma Evonik kaufen und Energiekosten senken?

Am 25. September 2026, kurz vor dem Wochenende, bekam die deutsche Chemieindustrie ihre alte Frage in neuer Verpackung zurück. Evonik bestätigte laut tagesschau.de eine unverbindliche Ansprache von BASF. Es ging um ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien. Gespräche liefen demnach aber nicht. Am Freitag reichte schon diese Annäherung, damit Evonik an der Börse um mehr als neun Prozent zulegte.
Der erste Reflex ist leicht zu verstehen. Wenn der weltgrößte Chemiekonzern nach Umsatz einen Konkurrenten anschaut, denkt der Markt an Prämien, Synergien und Verhandlungspoker. Doch bei BASF und Evonik liegt der härtere Werthebel woanders. Eine größere Gruppe kann Verwaltung, Einkauf und Standorte besser bündeln. Sie kann aber Europas Energieproblem nicht wegkaufen. Kapital entsteht nur dort neu, wo Geschäfte im Kostenumfeld Europas dauerhaft mehr verdienen, als sie binden.
Die Börse preist zuerst die Prämie, nicht den Kraftakt
Die Bewegung in der Evonik-Aktie erzählt zunächst eine bekannte Übernahmelogik. Wer übernommen werden könnte, handelt plötzlich nicht mehr nur nach dem eigenen Gewinnprofil. Der Kurs trägt dann die Möglichkeit einer Prämie. Laut tagesschau.de legten Evonik-Anteile nach den Spekulationen um mehr als neun Prozent zu. BASF-Aktionäre sahen dagegen die andere Seite der Rechnung: Ein Käufer muss zahlen, integrieren und beweisen, dass die versprochenen Vorteile den Preis rechtfertigen.
Bloomberg berichtete laut tagesschau.de, BASF habe seit mehreren Monaten mit Beratern einen Deal sondiert. Die Financial Times meldete demnach unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen, BASF habe auch mit der RAG-Stiftung gesprochen. Diese Details sind wichtig, weil sie den Vorgang von bloßem Börsengerücht trennen. Sie machen aus einem Kurssprung aber noch keinen industriellen Befreiungsschlag.
Synergien klingen in solchen Lagen sauber. Gemeint sind eingesparte Doppelstrukturen, bessere Einkaufsbedingungen oder eine stärkere Auslastung von Anlagen. In der Chemie können solche Hebel real sein. Sie wirken aber meistens auf Kostenblöcke, die ein Management direkt anfassen kann. Energie, regionale Nachfrage und globale Konkurrenz lassen sich nicht per Fusionsvertrag streichen.
So hoch ist laut tagesschau.de der Anteil der RAG-Stiftung an Evonik. Bei jeder ernsthaften Transaktion wäre sie damit der zentrale Aktionär.
Die RAG-Stiftung hält den Schlüssel zur Tür
Die RAG-Stiftung ist in dieser Geschichte mehr als ein Großaktionär im Tabellenanhang. Laut tagesschau.de hält sie rund 43 Prozent der Evonik-Anteile. Sie hatte erklärt, ihre Abhängigkeit von der Chemieindustrie verringern zu wollen und den Anteil perspektivisch auf 25,1 Prozent zu senken. Damit passt ein möglicher Verkauf grundsätzlich in eine strategische Richtung. Der Preis, die Struktur und die Kontrolle blieben trotzdem offen.
Für BASF wäre diese Aktionärsstruktur Fluch und Abkürzung zugleich. Eine Einigung mit der Stiftung könnte den Weg zu einem öffentlichen Angebot erleichtern. Ohne sie wäre ein Deal schwerer zu bauen. Zugleich macht ein großer Ankeraktionär sichtbar, dass es nicht nur um Börsenlaune geht. Es geht um die Frage, ob Evonik innerhalb eines größeren BASF-Konzerns wertvoller wäre als als eigenständige Beteiligung mit schrittweise sinkendem Stiftungsanteil.
Hier beginnt die industrielle Rechnung. BASF will nach Berichten der Financial Times, wie tagesschau.de zusammenfasst, mit einer Übernahme den regionalen Fußabdruck und die Produktpalette ausbauen. Das klingt defensiv und offensiv zugleich. Defensiv, weil europäische Chemieproduzenten unter Kostendruck stehen. Offensiv, weil Größe im Wettbewerb mit chinesischen Anbietern helfen kann. Der Markt darf auf beides hoffen. Er sollte beides nicht verwechseln.
Größe löst Kosten nur, wenn sie Kapital freisetzt
Eine Fusion kann Fixkosten auf mehr Umsatz verteilen. Sie kann Forschung, Vertrieb und Einkauf bündeln. Sie kann auch Anlagen schließen, wenn Kapazitäten doppelt vorhanden sind. Genau dort wird aus einer schönen Präsentationsfolie ein politischer und operativer Konflikt. Chemiewerke sind keine Software-Ordner, die man zusammenlegt. Sie hängen an Standorten, Genehmigungen, Lieferketten und Belegschaften.
Der harte Test lautet daher: Welche Geschäfte verdienen im europäischen Kostenumfeld noch Kapital, und welche wirken nur größer, nachdem man sie zusammenlegt? Größe hilft, wenn sie die besten Anlagen stärkt und schwache Kapitalbindung abbaut. Größe schadet, wenn sie ein schwieriges Portfolio nur breiter macht. Dann kauft BASF nicht Entlastung, sondern Komplexität.
Evonik selbst liefert den Hinweis auf diese Spannung. Laut tagesschau.de sieht das Unternehmen gute Wachstumschancen besonders in Asien und Amerika. In Deutschland fallen Stellen weg. Dieser Satz ist nüchtern, aber er wiegt schwerer als jede Übernahmefantasie. Die Regionen mit Wachstum liegen dort, wo Nachfrage und Kostenprofil anders aussehen. Der Heimatmarkt bleibt industriell wichtig, aber er ist nicht automatisch der Ort, an dem jedes zusätzliche investierte Kapital die beste Rendite verdient.
BASF könnte mit Evonik Produktpalette und Regionen ergänzen, Kosten bündeln und im Wettbewerb mit chinesischen Anbietern robuster auftreten.
Ein größerer Konzern bleibt ein europäischer Chemiekonzern. Wenn Energie- und Standortkosten drücken, ersetzt Größe keine saubere Kapitaldisziplin.
Asien und Amerika erzählen die unbequeme Wahrheit
Der interessanteste Teil der möglichen Transaktion liegt deshalb nicht in der Frage, ob BASF genug Synergien findet. Die wichtigere Frage ist, welche Teile des kombinierten Geschäfts wachsen dürfen und welche nur verwaltet, verkauft oder verkleinert werden. In einer Branche mit hohen Anlagenkosten entscheidet die Kapitalzuteilung über den Wert. Kapital, das in schwachen Geschäften feststeckt, ist teuer, auch wenn der Konzern größer wird.
Das ist der blinde Fleck vieler Übernahmedebatten. Die erste Zahl ist die Prämie. Die zweite Zahl sind die Synergien. Die dritte Zahl, über die weniger gesprochen wird, ist die Rendite auf das eingesetzte Kapital nach Integration. Genau dort trennt sich ein industrieller Deal von einer Bilanzvergrößerung. Wenn BASF Evonik nur addiert, bleibt das europäische Kostenproblem im Konzern. Wenn BASF das Portfolio härter sortiert, könnte der Deal mehr sein als eine Wette auf Größe.
Für Evonik-Aktionäre erklärt das den Kurssprung, aber nicht den Endwert. Eine mögliche Prämie kann kurzfristig tragen. Der nachhaltige Wert hängt daran, ob BASF für die richtigen Vermögenswerte zahlt und die schwierigen Teile nicht zu teuer mit übernimmt. Für BASF-Aktionäre liegt das Risiko spiegelbildlich. Sie bekommen im Erfolgsfall mehr Breite und vielleicht mehr Schlagkraft. Sie bezahlen aber sofort für einen Umbau, dessen Ergebnis erst später sichtbar würde.
Am 25. September 2026 wirkte die Geschichte zunächst wie eine klassische Übernahmeszene: ein großer Name, ein unverbindliches Signal, ein zweistelliger fast zweistelliger Kurssprung in Reichweite. Nach dem ersten Blick liest sich dieselbe Szene anders. Die 43 Prozent der RAG-Stiftung können eine Tür öffnen. Hindurchzugehen lohnt sich aber nur, wenn BASF nicht bloß Evonik kauft, sondern Kapital aus den falschen Ecken der europäischen Chemie herauszieht.







