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Krypto mth / DFN-Redaktion · 2. September 2026, 08:31 Uhr · 5 Min. Lesezeit
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SEC prüft Aktienhandel rund um die Uhr: Nachts fehlt Liquidität

Mehr Handelszeit wirkt wie Fortschritt. Krypto zeigt die Kehrseite: In späten Stunden schrumpft die Tiefe, und wenige Market-Maker bewegen Kurse.

Illustration: SEC prüft 24-Stunden-Handel: Aktien lernen die falsche Lektion

Wenn die US-Börsenaufsicht SEC, die wichtigste Wertpapieraufsicht der USA, den Handel rund um die Uhr prüft, klingt das wie ein Fortschrittsritual. Mehr Zugang, mehr Wettbewerb, mehr Moderne. Doch die bessere Frage lautet nicht, ob Aktien länger handeln können. Die bessere Frage lautet, wer nachts wirklich handelt und zu welchem Preis. Krypto zeigt die unbequeme Lektion: Ein Markt kann immer offen sein und trotzdem in entscheidenden Stunden dünn, teuer und von wenigen Market-Makern abhängig werden.

Krypto ist immer offen, aber nicht immer tief

Der Konsens liebt die einfache Erzählung. Krypto, also handelbare digitale Vermögenswerte wie Bitcoin und Ethereum, schläft nie. Aktienmärkte schließen dagegen ihre Hauptsitzungen. Also müssten Aktien nur die Öffnungszeiten verlängern, um moderner zu werden. Diese Erzählung verwechselt Verfügbarkeit mit Liquidität.

Liquidität bedeutet, dass Käufer und Verkäufer schnell handeln können, ohne den Preis stark zu bewegen. Sie ist kein Lichtschalter. Sie ist eine soziale Struktur. Sie entsteht, wenn viele unterschiedliche Gruppen gleichzeitig am Markt stehen: Fonds, Banken, Hedgefonds, Privatanleger, Arbitrageure und Market-Maker. Market-Maker stellen fortlaufend Kauf- und Verkaufspreise und verdienen am Spread. Der Spread ist die Spanne zwischen Kaufpreis und Verkaufspreis.

Im Kryptomarkt sieht man die Schwachstelle jeden Abend und jedes Wochenende. Der Bildschirm bleibt an. Die Apps zeigen Preise. Die Orderbücher laufen. Doch die Tiefe, also die Menge an Kauf- und Verkaufsaufträgen nahe am aktuellen Preis, kann deutlich schrumpfen. Dann reicht eine kleinere Order, um den Kurs stärker zu bewegen. Der Markt wirkt global. In Wahrheit sitzen zu bestimmten Zeiten nur wenige Gruppen am Tisch.

Hintergrund

Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt den Unterschied. Liegt der Spread einer Aktie in der Kernzeit bei 1 Cent, kostet der sofortige Kauf und Verkauf von 100 Aktien rechnerisch 1 Dollar Spread. Weitet sich der Spread nachts auf 5 Cent, steigt diese Reibung auf 5 Dollar. Der Kurs muss sich nicht einmal bewegen, damit Handel teurer wird.

Nachts handeln andere Stämme als am Tag

Jeder Markt hat seine Stämme. In der regulären Aktiensitzung sprechen Portfoliomanager über Gewinne, Margen und Konjunkturdaten. Optionshändler achten auf Absicherungen. ETF-Händler gleichen Körbe ab. Privatanleger reagieren auf Schlagzeilen. Diese Gruppen treffen sich nicht aus Romantik. Sie treffen sich, weil Börsenzeiten ein gemeinsames Ritual schaffen.

Der Kryptomarkt hat ein anderes Ritual. Dort gilt die ständige Öffnung als kultureller Beweis für Überlegenheit. Wer schläft, verpasst den Markt. Wer am Wochenende handelt, fühlt sich näher am Puls. Doch genau diese Kultur verdeckt, dass 24 Stunden nicht 24 gleichwertige Stunden sind. In ruhigen Zeiten stellen automatisierte Händler enge Preise. In Stressphasen ziehen sie Kapital ab, weiten Spreads oder passen Limits an. Dann zeigt sich, dass „immer offen“ auch „immer anfällig“ heißen kann.

Für Aktien wäre das keine technische Kleinigkeit. Aktien hängen an Unternehmensmeldungen, Indexgewichten, Derivaten, Fondsflüssen und Handelsregeln. Eine Gewinnwarnung nach US-Börsenschluss trifft heute auf einen Markt, der zwar über außerbörsliche Systeme reagieren kann, aber klar als Randzeit erkennbar bleibt. Bei echtem 24-Stunden-Handel verschwimmt diese Grenze. Ein Kurs um drei Uhr morgens könnte als offizielles Signal gelesen werden, obwohl er nur von einem schmalen Kreis gesetzt wurde.

Das ist der blinde Fleck der Debatte. Sie behandelt Öffnungszeiten wie Infrastruktur. In Wahrheit verändern Öffnungszeiten die Machtverteilung. Wer rund um die Uhr Preise stellen kann, gewinnt Einfluss. Wer Personal, Systeme und Risikokapital nur während der Kernzeit einsetzt, verliert relativen Einfluss. Der moderne Markt wirkt dann demokratischer, kann aber stärker von spezialisierten Zwischenhändlern geprägt werden.

Das stärkste Argument für längere Zeiten reicht nicht aus

Die Befürworter längerer Handelszeiten haben einen echten Punkt. Informationen schlafen nicht. Ein asiatischer Anleger in US-Aktien muss heute oft warten oder auf Derivate und außerbörsliche Wege ausweichen. Ein europäischer Anleger sieht US-Unternehmensnachrichten am späten Abend und kann nur eingeschränkt reagieren. Längere Zeiten könnten diese Asymmetrie verringern.

Auch die Geschichte stützt einen Teil dieses Arguments. Devisenmärkte, also Märkte für Währungen, handeln seit Jahrzehnten fast durchgehend an Werktagen. Futures, also Terminkontrakte auf Indizes, Rohstoffe oder Anleihen, laufen ebenfalls weit über die Kassenmarktzeiten hinaus. Globale Märkte haben gelernt, dass Preisbildung nicht an einer lokalen Börsenglocke enden muss.

Zwei Lager

Die Befürworter sagen

Längere Handelszeiten machen Aktienmärkte fairer für globale Anleger. Wer Informationen sieht, soll nicht auf die nächste Kernsession warten müssen.

Die Skeptiker halten dagegen

Mehr Stunden schaffen nicht automatisch mehr Tiefe. Ohne breite Teilnahme können wenige Liquiditätsanbieter den Preis stärker prägen.

Der Haken liegt in der Verteilung. Auch im Devisenmarkt konzentriert sich viel Aktivität auf Phasen, in denen große Handelszentren gleichzeitig offen sind. Auch Futures reagieren besonders stark rund um Konjunkturdaten, Notenbanken und die Eröffnung der Kassenmärkte. Der Markt ist länger offen, aber die Liquidität bündelt sich weiter in sozialen und institutionellen Knotenpunkten.

Genau deshalb ist Krypto der bessere Lehrmeister als die Werbebroschüre der Börsenbetreiber. Dort sieht man, wie ein globaler Markt in ruhigen Stunden scheinbar stabil bleibt und in Stressphasen plötzlich von wenigen Orderbüchern abhängt. Man sieht auch, wie stark Stablecoins, Börsen, Verwahrer und Market-Maker als Infrastruktur wirken. Stablecoins sind digitale Token, die meist an eine Währung wie den Dollar gekoppelt sind. Sie machen Handel leichter, schaffen aber neue Abhängigkeiten.

Die SEC sollte Abhängigkeit messen, nicht nur Öffnung

Wenn die SEC den 24-Stunden-Handel ernsthaft prüft, müsste sie weniger auf die Uhr schauen und mehr auf die Marktstruktur. Entscheidend ist nicht, ob eine Aktie um zwei Uhr nachts handelbar ist. Entscheidend ist, wie breit der Markt dann ist, wer die Preise stellt und wie groß die Kosten für Anleger werden.

Dafür braucht es einfache Kennzahlen. Wie weit sind die Spreads außerhalb der Kernzeit? Wie tief sind die Orderbücher? Wie viele unabhängige Market-Maker stellen gleichzeitig Preise? Wie stark weichen Nachtpreise von den Eröffnungskursen der Hauptbörse ab? Wie reagieren Handelssysteme, wenn Nachrichten, Optionen und ETFs nicht im selben Takt laufen?

Auch die Sprache müsste ehrlicher werden. Ein „24-Stunden-Markt“ klingt nach Gleichheit. Tatsächlich könnte er aus sehr unterschiedlichen Zonen bestehen: einer tiefen Kernzeit, einer dünneren Abendzeit und einer hochspezialisierten Nachtzeit. Diese Zonen sollten Anleger erkennen können. Sonst verkauft der Markt Kontinuität und liefert Hierarchie.

Für Beobachter liegt die nächste wichtige Spur deshalb nicht in der großen Ankündigung. Sie liegt in den kleinen Daten der Randzeiten: Spread, Tiefe, Stornoraten, Zahl der aktiven Preissteller und Reaktion auf Nachrichten. Krypto hat gezeigt, dass ständige Öffnung ein mächtiges Symbol ist. Es hat aber auch gezeigt, dass Symbole keine Liquidität ersetzen.

Zur Xetra-Eröffnung in Frankfurt und zum Start in London um 9:00 Uhr zählt daher nicht nur, ob globale Märkte die SEC-Debatte als Modernisierung feiern. Interessanter ist, ob Aktienhändler beginnen, die Kulturfrage zu stellen: Wer sitzt außerhalb der Kernzeiten wirklich am Markt, und wer bezahlt den Preis, wenn fast alle anderen fehlen?

mth.
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