S&P 500 im Plus: Warum US-Renditen jetzt wichtiger sind

Die Wall Street erlaubt sich am Abend Erleichterung. Der S&P 500 steigt um 0,42 Prozent, und die alte Börsenformel klingt wieder angenehm: schwächere Konjunktur, bald niedrigere Zinsen, höhere Aktienkurse. Nur ist diese Formel vor dem US-Jobbericht am Freitag nicht vollständig. Der eigentliche Hebel liegt bei den Renditen der US-Staatsanleihen. Wenn Jobs und Löhne die Zinssenkungsfantasie beschädigen, wird aus Bewertung schnell Mathematik.
Der Index steigt, doch der Zins prüft die Rechnung
Aktienkurse erzählen am Abend eine Geschichte von Zuversicht. Renditen erzählen die trockenere Geschichte. Sie messen, welchen Ertrag Investoren für das Halten einer Anleihe verlangen. Steigen sie, steigt der Vergleichsmaßstab für alles andere. Dann muss auch eine Aktie mehr liefern, um ihren Preis zu rechtfertigen.
Das klingt abstrakt, ist aber schlicht. Ein Gewinn von 10 Dollar in zehn Jahren ist heute weniger wert, wenn der Zins steigt. Bei einem Abzinsungssatz von 4 Prozent beträgt der heutige Wert grob 6,76 Dollar. Bei 5 Prozent sind es nur noch 6,14 Dollar. Die Gewinnschätzung hat sich nicht bewegt. Der Wert fällt trotzdem um rund 9 Prozent.
Genau hier liegt die Empfindlichkeit der Wall Street. Viele große US-Aktien tragen hohe Bewertungen, weil Anleger künftige Gewinne großzügig in die Gegenwart holen. Das funktioniert prächtig, solange der Zins sich wie ein höflicher Diener benimmt. Wird er eigensinnig, endet die Poesie. Dann zählt nicht mehr die Erzählung vom nächsten Produktzyklus, sondern der Barwert künftiger Gewinne.
Ab·zin·sung, die
Abzinsung rechnet künftige Zahlungen auf ihren heutigen Wert zurück. Je höher der verwendete Zins, desto weniger sind Gewinne in der Zukunft heute wert. Darum reagieren hoch bewertete Wachstumsaktien oft besonders empfindlich auf steigende Renditen.
Siehe auch: Rendite · Bewertung
Die Lohnzahl kann die schöne Zinssenkungsgeschichte stören
Der Jobbericht hat mehrere Gesichter. Die Schlagzeile gehört meist den neu geschaffenen Stellen. Der wichtigere Teil kann diesmal aber bei den Löhnen liegen. Löhne zeigen, ob der Arbeitsmarkt noch genug Druck erzeugt, um die Inflation in Dienstleistungen hartnäckig zu halten.
Die Fed, also die US-Notenbank, schaut nicht nur auf die Zahl der Beschäftigten. Sie schaut auf die Verbindung aus Beschäftigung, Lohnwachstum und Preisen. Ein schwacher Stellenaufbau kann Zinssenkungshoffnungen nähren. Stabile oder wieder stärkere Löhne können diese Hoffnung gleichzeitig beschmutzen. Genau das ist die unbequeme Variante für Aktien.
Denn dann bekäme der Markt nicht die saubere Geschichte, die er liebt. Er bekäme keine eindeutige Abkühlung. Er bekäme einen Arbeitsmarkt, der zwar langsamer wird, aber noch genug Lohnkraft besitzt, um die Fed vorsichtig zu halten. Das wäre kein Drama für die Realwirtschaft. Für Bewertungen kann es trotzdem reichen.
Das stärkste Gegenargument heißt weiche Landung
Die Gegenposition ist nicht töricht. Sie lautet: Wenn die Wirtschaft langsam abkühlt und die Inflation weiter nachgibt, kann die Fed später die Zinsen senken, ohne dass die Gewinne brechen. Dann wären höhere Kurse trotz schwächerer Konjunkturdaten nicht Ausdruck von Leichtsinn, sondern von Vorwegnahme.
Die Geschichte kennt solche Phasen. Mitte der 1990er Jahre gelang den USA eine weiche Landung. Die Fed hatte zuvor gebremst, die Wirtschaft hielt, und Aktien fanden wieder Tritt. Auch 2019 half der Kurswechsel der Fed den Märkten, lange bevor die Konjunkturdaten wieder glänzten. Der Markt hat also Gründe, freundlich auf eine künftige Entlastung beim Zins zu blicken.
Der Punkt ist ernst zu nehmen. Er ist aber keine Freikarte. Eine weiche Landung setzt voraus, dass die Renditen fallen, weil Inflation und Lohnkosten nachlassen, nicht weil das Wachstum plötzlich bricht. Sie setzt außerdem voraus, dass die Bewertungen nicht schon jede gute Nachricht vorweggenommen haben. Genau dort wird die Sache heikel. Je teurer der Markt startet, desto weniger Fehler verzeiht er.
1994 zeigt, wie schnell Anleihen Aktien disziplinieren
Die Gegenwart hält sich gern für neu. Der Zins widerspricht dieser Eitelkeit regelmäßig. 1994 hob die Fed die Leitzinsen mehrfach an, und der Anleihemarkt wurde hart getroffen. Aktien mussten damals nicht jeden Tag einbrechen, um unter Druck zu geraten. Es reichte, dass der Bewertungsraum enger wurde.
Das ist die alte Lektion. Der Anleihemarkt muss Aktien nicht anschreien. Er muss nur die risikolose Alternative attraktiver machen. Dann verschieben sich die Maßstäbe. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis, das bei fallenden Renditen vernünftig aussieht, wirkt bei steigenden Renditen plötzlich reichlich feudal.
Heute kommt ein weiterer Punkt hinzu. Der Markt liebt das Wort „eingepreist“. Es klingt nach Ordnung und erwachsenem Risikomanagement. Oft heißt es nur, dass eine bequeme Annahme oft genug wiederholt wurde. Vor dem Jobbericht lautet diese Annahme: Die Fed wird bald genug Raum für Zinssenkungen finden. Der Freitag prüft nicht nur diese Annahme. Er prüft auch, wie viel Kursanstieg auf ihr steht.
Worauf der Markt bis Freitag wirklich blickt
Für die kommenden Stunden zählt deshalb weniger, ob der S&P 500 im Plus schließt. Wichtiger ist, wie die Renditen auf jede neue Spur zum Arbeitsmarkt reagieren. Die zweijährige US-Rendite spiegelt besonders stark die erwartete Fed-Politik. Die zehnjährige Rendite enthält zusätzlich Erwartungen zu Wachstum, Inflation und Risikoaufschlag. Zusammen zeigen sie, ob der Markt Entlastung kauft oder Zweifel anmeldet.
Auch der Dollar bleibt ein brauchbarer Zeuge. Steigende US-Renditen stützen oft die US-Währung, weil Kapital höhere Verzinsung sucht. Gold kann dann trotz eigener Krisenfantasie unter Druck geraten, weil es keinen laufenden Zins zahlt. Aktien wiederum müssen mit jedem Renditeanstieg erklären, warum ihre künftigen Gewinne noch denselben Preis verdienen.
Der heutige Anstieg an der Wall Street ist daher kein Freispruch. Er ist eher eine Zwischenrechnung vor dem Arbeitsmarktbericht. Wenn die Löhne zahm bleiben, kann die Zinssenkungsgeschichte weitergetragen werden. Wenn sie stören, bekommt der Markt eine Lektion, die er aus Höflichkeit gern vergisst: Der Zins ist nicht Beiwerk. Er ist die Rechenregel.
Nach New York übernimmt in der Nacht Tokio den Staffelstab. Dort dürfte weniger der US-Schlussstand zählen als die Bewegung bei Renditen und Dollar nach Handelsschluss in Europa. Für die Xetra-Eröffnung am Donnerstag wird genau diese Übergabe wichtig: nicht die Laune des Abends, sondern die Mathematik dahinter.







