Stablecoins gegen Bankeinlagen: Höhere Zinsen bremsen den Zulauf

2019 beginnt in einer neuen Untersuchung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich eine unscheinbare Wochenchronik. Woche für Woche messen die Forscher Stablecoins, Bankzinsen, Bitcoin-Preise und US-Staatsanleiherenditen. Damals klang das wie ein Randthema der Kryptoszene. Heute liest sich dieselbe Datenreihe wie ein Protokoll über Machtverschiebung: Stablecoins greifen nicht nur Zahlungsnetzwerke an. Sie stellen auch die alte Gewohnheit infrage, dass Bankkunden mickrige Zinsen auf Einlagen akzeptieren.
Stablecoins sind Token, die meist an den Dollar gebunden sind und durch sichere Anlagen gedeckt werden sollen. Die öffentliche Debatte behandelt sie oft als Krypto-Zahlungsmittel. Der härtere Konflikt liegt jedoch eine Etage tiefer. Banken sammeln Einlagen ein, zahlen darauf Zinsen und verdienen mit der Differenz. Stablecoin-Anbieter sammeln Dollar ein, legen Reserven an und verteilen die Erträge auf ihre eigene Weise. Beide Lager sprechen selten dieselbe Sprache. Die einen reden von Kontobeziehung. Die anderen reden von Wallets, Reserveerträgen und Distribution.
Ein Basispunkt macht aus Krypto plötzlich Einlagenpolitik
Laut CoinDesk haben Rashad Ahmed und Iñaki Aldasoro in einem BIS-Arbeitspapier wöchentliche Daten von Januar 2019 bis Juni 2025 untersucht. Sie berücksichtigten dabei Bitcoin-Preise, Renditen von US-Staatsanleihen und breitere Finanzbedingungen. Ihr Befund ist unbequem für beide Seiten: Schon ein Anstieg der durchschnittlichen US-Bankeinlagenzinsen um einen Basispunkt sagte langsameres Stablecoin-Wachstum voraus. Ein Basispunkt entspricht 0,01 Prozentpunkten.
Die Zahl wirkt klein. Ihr Effekt ist es nicht. Laut CoinDesk sank das durchschnittliche Wachstum der Stablecoin-Marktkapitalisierung über zehn Wochen in der Untersuchung von rund 15 Prozent auf rund 12 Prozent. In der bevorzugten Schätzung der Autoren, die berücksichtigt, dass Banken ihre Zinsen auch als Reaktion auf Stablecoin-Wachstum anheben könnten, fiel das Wachstum sogar auf etwa 6 Prozent. Die Autoren wiesen zugleich auf Schwächen dieser Methode hin.
„Stablecoins konkurrieren nicht nur mit Zahlungssystemen, sondern mit der Bequemlichkeit schlecht verzinster Bankeinlagen.“
Zum MitnehmenDamit verschiebt sich die Debatte. Regulierung bleibt wichtig. Doch der alltäglichere Hebel liegt auf dem Kontoauszug. Wenn Banken Sparern mehr zahlen, sinkt der Anreiz, Dollar in Tokenform zu halten. Das ist keine spektakuläre Krypto-Erzählung. Es ist Einlagenpolitik mit anderem Etikett.
USDC sitzt näher am Bankkonto als USDT
Die BIS-Forscher fanden laut CoinDesk einen stärkeren Zusammenhang bei Circles USDC als bei Tethers USDT. Die Autoren erklärten dieses Muster mit den engeren Beziehungen von USDC zu Nutzern in den USA. Dort ist der Vergleich mit einem Bankkonto näher. Ein amerikanischer Nutzer, der zwischen Einlagenzins und USDC-Ertrag abwägt, steht weniger vor einer ideologischen Krypto-Frage als vor einer einfachen Opportunitätsrechnung.
USDT erfüllt in vielen Märkten eine andere Rolle. Der Token dient dort häufig als Dollarersatz, wenn lokale Währungen schwach sind oder der Zugang zum Bankensystem begrenzt bleibt. Ein höherer US-Einlagenzins erreicht diese Nutzer weniger direkt. USDC dagegen lebt stärker in der Nachbarschaft des regulierten Dollar-Finanzsystems. Genau dort kann eine Bank mit besserer Verzinsung wieder sichtbar werden.
Das erklärt auch, warum die Stablecoin-Debatte in Bankzentralen anders klingt als in Krypto-Foren. Kryptounternehmer sprechen über Geschwindigkeit, Programmierbarkeit und globale Verfügbarkeit. Banken sprechen über Einlagenbasis, Fristentransformation und Kundenbindung. Beide Beschreibungen sind nicht falsch. Sie verdecken nur, dass derselbe Dollar immer öfter zwischen zwei sozialen Räumen pendelt.
Circle zeigt, warum der Zinsstreit im Maschinenraum stattfindet
Wie hart dieser Konflikt geworden ist, zeigt der Streit um die Erträge aus Stablecoin-Reserven. Laut CoinDesk verteidigte Circle sein Geschäftsmodell in einem Blogbeitrag. Chief Commercial Officer Kash Razzaghi schrieb demnach, Circle habe im ersten Halbjahr 2026 etwa 7 Cent Nettogewinn je Dollar Umsatz behalten. Der Umsatz lag bei rund 1,4 Milliarden Dollar. Distribution und Transaktionskosten summierten sich auf 819 Millionen Dollar.
Diese Zahlen sind mehr als Unternehmensdetails. Sie zeigen, wie viele Gruppen am Stablecoin-Dollar ziehen. Circle will Reserven verwalten, Rückgaben ermöglichen, Liquidität vorhalten und Compliance bezahlen. Laut CoinDesk entfielen 473 Millionen Dollar auf Compliance, Liquidität und Produktentwicklung. Darin enthalten waren auch rund 214 Millionen Dollar aktienbasierte Vergütung und verwandte Kosten.
Auf der anderen Seite stehen Partner, die einen größeren Anteil der Reserveerträge verlangen. CoinDesk berichtet, dass Coinbase der größte USDC-Partner von Circle ist, zugleich aber Open USD unterstützt. An Open USD sind auch Stripe und BlackRock beteiligt. Das Netzwerk soll Unternehmen ermöglichen, Stablecoins ohne Gebühren zu prägen und einzulösen. Reserveerträge sollen nach Abzug einer Managementgebühr an Teilnehmer weitergereicht werden.
- Warum treffen höhere Sparzinsen Stablecoins? Sie erhöhen die Vergütung auf Bankeinlagen und machen das Halten von Token weniger attraktiv.
- Warum ist USDC stärker betroffen? Laut BIS-Autoren passt das zu den engeren Beziehungen von USDC zu US-Nutzern.
- Warum streiten Circle und Partner über Reserven? Weil die Zinserträge auf die Deckungsanlagen bestimmen, wer am Stablecoin-Geschäft verdient.
Hier liegt der kulturelle Bruch. Für Banken sind Einlagen eine stabile, möglichst günstige Finanzierungsquelle. Für Stablecoin-Netzwerke sind Dollarreserven ein Ertragspool, um Partner, Plattformen und Infrastruktur zu bezahlen. Wenn Open USD Reserveerträge anders verteilt, attackiert es nicht nur Circle. Es attackiert das Ritual, dass der Emittent den größten Teil der ökonomischen Kontrolle behält.
Was Beobachter an Sparzinsen und Reserveerträgen lesen können
Für Beobachter zählt deshalb weniger das laute Bekenntnis zu Krypto oder Banken. Aussagekräftiger sind zwei schlichte Fragen. Erstens: Wie stark erhöhen Banken Einlagenzinsen, wenn Stablecoins wachsen? Zweitens: Wie viel Reserveertrag reichen Stablecoin-Anbieter an Partner und Nutzer weiter?
Beide Fragen führen weg vom großen Zukunftspathos. Sie führen zu Preissetzung. Banken können Stablecoins bremsen, wenn sie Kunden wieder besser bezahlen. Stablecoin-Anbieter können Banken bedrängen, wenn sie Reserveerträge aggressiver verteilen. Der Wettbewerb läuft dann nicht über Schlagworte, sondern über den Anteil am Zins.
Die alte Bankfiliale und die neue Wallet gehören damit zum selben System. Beide verwalten Vertrauen in Dollar. Beide brauchen Liquidität. Beide müssen Nutzer davon überzeugen, dass Bequemlichkeit, Sicherheit und Ertrag in ihrem Lager besser zusammenpassen. Laut CoinDesk betonen Ahmed und Aldasoro aber ebenso klar: Das Wachstum verlangsamte sich in beiden Schätzungen, es drehte nicht ins Minus.







