US-Renditen fallen so stark wie 2023 und warnen den Aktienmarkt

Laut MarketWatch „schreit“ der CNN-Index „Fear & Greed“ derzeit Angst. Das trifft die Stimmung, aber es verharmlost die Mechanik. Der starke Rückgang der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen wirkt auf den ersten Blick wie eine Entlastung für Aktien. Billigeres Geld, niedrigere Diskontsätze, mehr Luft für Bewertungen: So lautet die höfliche Lesart. Die weniger höfliche lautet: Der Anleihemarkt kauft Schutz, weil er schwächere Gewinne, mehr Finanzstress und einen weniger makellosen Konjunkturpfad einpreist.
MarketWatch berichtet, die Rendite der zehnjährigen Treasury Note habe den größten Tagesrückgang seit dem Zusammenbruch der Silicon Valley Bank verzeichnet. Das ist kein gewöhnlicher Zinswackler. Wenn die wichtigste Anleiherendite der Welt so heftig fällt, erzählt sie selten nur von einer angenehmen Zinssenkungsfantasie. Sie erzählt auch von Flucht in Sicherheit. Der alte Zins, dieser verdrängte Haushofmeister der Märkte, meldet sich nicht immer mit steigender Stimme. Manchmal wird er leiser, und gerade dann lohnt das Hinhören.
Der Bondmarkt preist mehr ein als eine freundlichere Fed
Eine fallende Anleiherendite kann zwei sehr verschiedene Dinge bedeuten. Sie kann anzeigen, dass Investoren eine lockerere Geldpolitik erwarten. Sie kann aber auch anzeigen, dass sie Wachstumssorgen kaufen, indem sie Staatsanleihen kaufen. Bei Anleihen steigt der Preis, wenn die Nachfrage steigt. Die Rendite fällt dann. Das ist keine Magie, sondern die Buchhaltung der Angst.
Gerade deshalb ist der aktuelle Renditerutsch zweischneidig. Für Aktienbewertungen ist ein niedrigerer Zins zunächst angenehm. Künftige Gewinne werden mit einem geringeren Satz abgezinst, und hohe Bewertungen wirken weniger vermessen. Diese Rechnung trägt besonders bei Technologiewerten, deren Börsenwert stark an weit entfernten Gewinnversprechen hängt.
Doch MarketWatch beschreibt ausgerechnet den KI-Handel als angeschlagen. Die künstliche-Intelligenz-Wette sei „on the ropes“, also in Bedrängnis. Das passt schlecht zur einfachen Erzählung vom guten Renditerückgang. Wenn der Zins fällt und die Wachstumswerte trotzdem wanken, dann fehlt dem Markt nicht nur Liquidität. Dann zweifelt er am Gewinnpfad.
„Fallende Renditen sind für Aktien nur dann ein Geschenk, wenn sie nicht aus Angst fallen.“
Zum MitnehmenTech schwächelt genau dort, wo niedrigere Zinsen helfen müssten
Die Wall Street lieferte dafür die Vorlage. Laut tagesschau.de verlor der S&P 500 zum Handelsschluss 1,2 Prozent auf 7.663 Punkte. Der Dow Jones trat bei 52.867 Punkten etwa auf der Stelle. Die Schwäche lag also nicht einfach im gesamten Markt, sondern vor allem in den zinssensiblen und lange verwöhnten Wachstumswerten.
Das ist bemerkenswert. Der Technologiesektor hat in den vergangenen Jahren besonders von der Annahme gelebt, dass Kapital reichlich bleibt und künftige Margen üppig ausfallen. Wenn nun die Renditen fallen, müsste das theoretisch helfen. Tut es das nicht, ist die Botschaft rauer. Dann schaut der Markt weniger auf den Nenner der Bewertungsformel, also den Zins, und mehr auf den Zähler, also die Gewinne.
Die tagesschau.de berichtet von negativ aufgenommenen Konzernbilanzen und Sorgen über den Technologiesektor. Das ist kein Nebenbefund. Der Renditerückgang kommt nicht in einer Phase ungetrübter Gewinnfreude. Er fällt in eine Marktphase, in der Anleger die großen Wachstumsversprechen neu bepreisen. Der Modebegriff „eingepreist“ wirkt in solchen Tagen wie ein Beruhigungsmittel. Er hilft, bis die nächste Zahl kommt.
Sinkende US-Renditen nehmen Druck von Bewertungen. Besonders Wachstumsaktien profitieren normalerweise, weil künftige Gewinne rechnerisch mehr wert sind.
Der Renditerutsch kann auf Flucht in Staatsanleihen deuten. Dann sinkt der Zins, weil der Markt schwächere Gewinne und mehr Stress erwartet.
Öl und Geopolitik stören die schöne Zinssenkungsrechnung
Hinzu kommt ein zweiter Störfaktor. Laut tagesschau.de stiegen die Ölpreise in Asien kräftig und notierten auf dem höchsten Stand seit fünf Monaten. Brent verteuerte sich demnach um 0,5 Prozent auf 113,70 Dollar je Barrel, WTI um 0,6 Prozent auf 100,05 Dollar. Zugleich verweist tagesschau.de auf Sorgen vor neuen Angriffen der USA und Israels auf Iran sowie auf Angriffe der Huthi-Rebellen in Saudi-Arabien.
Das macht die Lage für Notenbanken unordentlich. Ein Ölpreisschock kann Inflation nähren, auch wenn die Konjunktur schwächer wird. Genau diese Mischung ist für Aktien unangenehm. Sie nimmt der Fed den Luxus, jeden Marktriss sofort mit billigem Geld zu kitten. Der Markt darf auf Zinssenkungen hoffen. Er muss aber zugleich fürchten, dass der Anlass dafür keine gute Nachricht ist.
Die Börse liebt klare Erzählungen. Der Anleihemarkt bevorzugt mitunter die schlechtere Wahrheit. Wenn Öl steigt, Tech fällt und Staatsanleihen gesucht sind, dann entsteht kein sauberes Bild einer sanften Landung. Es entsteht ein Bild von Absicherung. Das ist weniger elegant, aber nützlicher.
Der DAX bekommt den US-Zins als Warnung frei Haus
Für Frankfurt ist das mehr als ein amerikanisches Schauspiel. IG Markets taxierte den DAX laut tagesschau.de vor dem Xetra-Start 0,2 Prozent tiefer auf 25.328 Punkte. Am Donnerstag war der deutsche Leitindex bereits um 1,1 Prozent auf 25.371 Punkte gefallen. Der DAX blickt also nicht auf fallende US-Renditen wie auf ein Geschenkpaket. Er bekommt ein Paket mit Begleitschreiben.
Dieses Begleitschreiben enthält drei Hinweise. Erstens: Der KI-Handel, der viele internationale Indizes getragen hat, ist verletzlicher geworden. Zweitens: Der Rückgang der US-Renditen kann ein Stresssignal sein, nicht nur eine Hoffnung auf billigere Finanzierung. Drittens: Höhere Ölpreise halten den Inflationsrest am Leben und begrenzen den Spielraum der Notenbanken.
Das stärkste Gegenargument bleibt bestehen. Wenn der Renditerückgang vor allem eine Neubewertung der Fed-Erwartungen ist, könnten Aktien rasch wieder Tritt fassen. Niedrigere Marktzinsen entlasten Unternehmen, Haushalte und Bewertungen. Diese Lesart verdient Respekt, weil sie in vielen Zyklen funktioniert hat. Sie wird aber schwächer, sobald Gewinnschätzungen und Risikobereitschaft gleichzeitig bröckeln.
Die kommenden Wochen werden daher weniger von der Frage leben, ob Renditen fallen. Sie werden von der Frage leben, warum sie fallen. Der Unterschied klingt akademisch und ist doch sehr praktisch. Fällt der Zins wegen Vertrauen in eine sanftere Fed, dürfen Aktien aufatmen. Fällt er wegen Misstrauen gegen Wachstum und Gewinne, ist die Erleichterung nur die höfliche Verpackung einer Warnung. Die Nervosität der Anleger steige, und die Risiken für die kommenden Monate nähmen zu, sagte Andreas Lipkow von CMC Markets laut tagesschau.de.







