Deutsche-Finanznachrichten.de
KurseFriday, 16. October 2026
Meinung okl / DFN-Redaktion · 16. October 2026, 19:33 Uhr · 4 Min. Lesezeit
Teilen

Wall Street setzt Kryptostandards, während Washington Stellen offenlässt

Trumps Kryptoberater ist weg, der Kongress stockt, die SEC flickt. Banken bauen derweil Infrastruktur und schaffen Fakten für spätere Gesetze.

Illustration: Wall Street setzt Kryptostandards, während Washington Stellen offenlässt

Adam Schumann hat ein Problem, das in Washington gern als Übergangsfrage behandelt wird. Der Vice President of Legal bei OKX muss laut CoinDesk mit Bundesgesetzen, Bundesbehörden, einzelstaatlichen Regeln und einzelstaatlichen Aufsehern zugleich arbeiten. Diese Instanzen bewegen sich nicht im selben Takt. Schumann sagte bei einer Veranstaltung von Crain’s New York Business: „You want general consistency, but you’re not going to reach uniformity.“ Für Juristen klingt das nach Alltag. Für den Kryptomarkt klingt es nach Verfassung.

Der Befund ist unbequem, weil er die übliche Reihenfolge umdreht. Erst sollte der Gesetzgeber den Rahmen setzen, dann sollten Banken, Börsen und Vermögensverwalter darin bauen. In der Praxis geschieht das Gegenteil. Washington lässt Stellen offen, die Wall Street füllt die Lücke mit Verfahren, Verträgen und Kontrollsystemen. Wer später das Gesetz schreibt, trifft dann auf einen Markt, der seine Rohrleitungen bereits verlegt hat.

Washington räumt den Stuhl, den der Markt längst braucht

CoinDesk berichtet, dass Patrick Witt, Trumps Kryptoberater im Weißen Haus, ausgeschieden ist. Überraschend war der Abgang demnach nicht. Schwerer wiegt, was danach fehlt: ein ausdrücklich benannter Ansprechpartner für digitale Vermögenswerte im Zentrum der Regierung. Das Weiße Haus betont laut CoinDesk zwar, Krypto bleibe Priorität. Doch die jüngste Ernennung eines neuen KI-Beauftragten habe den früheren Krypto-Zuschnitt nicht mehr enthalten.

Das ist mehr als eine Personalie. Bei Trumps Rückkehr ins Weiße Haus stand die Branche noch sichtbar auf der politischen Bühne. Es gab einen hochrangigen Krypto-Posten und den President’s Council of Advisors for Digital Assets. Nun bleibt ein Vakuum an der sichtbarsten Stelle, während Behörden wie die SEC einzelne Fragen anpacken. Die alte Börsenweisheit, wonach Unsicherheit mit einem Abschlag bezahlt wird, gilt auch für Regulierung. Nur bezahlt hier nicht der Kurs allein, sondern die Architektur des Marktes.

Die Gegenposition

Man kann Washington zugutehalten, dass langsame Gesetzgebung bei Finanzmärkten kein Fehler sein muss. Zu frühe Regeln können eine junge Technik einfrieren, bevor klar ist, welche Modelle tragen. Der Punkt ist ernst zu nehmen: Tokenisierung, Verwahrung und Handel auf der Blockchain entwickeln sich schneller als klassische Gesetzestexte. Gerade deshalb aber entsteht Macht dort, wo Standards zuerst praktisch werden.

Die SEC flickt, Wall Street normiert

Am 15. September kam der CLARITY Act im Senat laut CoinDesk nicht voran. Zwei Tage später reagierte die SEC mit einer „innovation exemption“. Bestimmte Handelsplätze durften dadurch tokenisierte US-Aktien auf der Blockchain handeln. Tokenisierte Aktien bilden herkömmliche Wertpapiere als digitale Einheiten ab. Das klingt nach Fortschritt, ist aber kein Gesetz. Eine Ausnahmegenehmigung kann enger gefasst oder zurückgenommen werden.

Gerade diese Vorläufigkeit erzeugt den Druck zum privaten Standard. Banken und Plattformen müssen entscheiden, wie sie Kunden prüfen, Transaktionen überwachen, Daten sichern und Risiken dokumentieren. Sie können nicht warten, bis der Kongress seine Sätze sortiert hat. Der Markt hat Termine, Kunden und Prüfer. Die Politik hat Ausschüsse.

So entsteht ein merkwürdiger Zustand. Die offizielle Regel bleibt beweglich, aber die operative Regel verhärtet. Was eine große Verwahrstelle, ein Broker oder ein Vermögensverwalter heute als Mindeststandard verlangt, wird morgen zur Eintrittskarte für kleinere Anbieter. Das Gesetz mag später kommen. Die Gewohnheit ist dann schon da, mit dem leisen Selbstbewusstsein aller Dinge, die funktionieren, weil niemand mehr genau weiß, wer sie beschlossen hat.

Compliance wird zur Eintrittskarte

Aravind Raju, CFO von Uphold, sagte laut CoinDesk, Compliance sei inzwischen eine der größten Abteilungen seines Unternehmens. Compliance meint hier Regeltreue, Kontrolle und Nachweise gegenüber Aufsehern. Raju begründete das mit maßgeschneiderten Lösungen für die Anforderungen einzelner US-Bundesstaaten. Sobald Regeln klarer und besser abgestimmt seien, könnten Mittel anders eingesetzt werden.

Das ist die nüchterne Buchhaltung hinter dem großen Wort Innovation. Wer digitale Vermögenswerte institutionell anbieten will, bezahlt nicht nur Entwickler, Server und Vertrieb. Er bezahlt die Fähigkeit, in fünfzig Grautönen des Aufsichtsrechts zu leben. Diese Kosten sieben den Markt. Große Häuser können sie tragen, kleine Anbieter oft nur mit Mühe. Regulierung durch Unklarheit begünstigt selten den Außenseiter, auch wenn die Branche gern das Gegenteil erzählt.

Damit schreibt Wall Street nicht unbedingt bessere Regeln. Sie schreibt die Regeln, die sich bilanzieren lassen. Das ist praktisch, prüfbar und für Aufseher anschlussfähig. Es ist aber auch eine stille Verschiebung von öffentlicher Normsetzung zu privater Marktordnung. Der Gesetzgeber darf später noch Überschriften liefern. Die Fußnoten kommen aus den Rechtsabteilungen.

Der künftige Standard entsteht vor dem Gesetz

Die Kryptoindustrie hat lange so getan, als sei Regulierung ein äußerer Feind. In der institutionellen Phase wird sie zum Produktmerkmal. Ein Vermögensverwalter kauft keine weltanschauliche Freiheit. Er kauft Verwahrung, Abrechnung, Berichtspflichten und die Aussicht, dem eigenen Risikoausschuss ohne rote Ohren gegenüberzutreten. Das mag prosaisch sein. Finanzgeschichte ist oft prosaischer, als ihre Werbeabteilungen erlauben.

Der stärkste Standard ist am Ende selten der eleganteste Text. Es ist der Standard, den genug große Marktteilnehmer schon benutzen. Genau dort liegt die eigentliche Machtverschiebung. Wenn Washington im Kryptomarkt zu spät ordnet, entscheidet es nicht mehr über das Spielfeld, sondern über die Beschilderung eines bereits eröffneten Hauses.

Abstimmung

„Wall Street prägt die Kryptoregeln schneller als Washington.“

157 Stimmen bisher
okl.
Teilen
Illustration: Portugals Airline TAP: Lufthansa greift nach Brasilien-Routen
Wissen

Portugals Airline TAP: Lufthansa greift nach Brasilien-Routen

Portugal will 44,9 Prozent abgeben. Für Sie zählt weniger das Aktienpaket als die Macht über Slots, Drehkreuze und politische Zusagen in Lissabon.

Illustration: EuGH macht Kontobetrug zum Bankenrisiko und verteuert Sicherheit
Wissen

EuGH macht Kontobetrug zum Bankenrisiko und verteuert Sicherheit

Ein Urteil stärkt Opfer von Phishing. Doch die Kosten verschwinden nicht: Banken werden Betrug einpreisen, und Kunden sollten die neue Rechnung kennen.