5,234 Prozent bei zehnjährigen US-Anleihen: Gold steigt wegen der Realzinsen

5,234 Prozent erreichte die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen laut n-tv.
Diese Zahl erzählt mehr als ein gewöhnlicher Zinsstand, denn sie erklärt, warum Gold am Dienstag trotz festerem Dollar steigt. Der Goldpreis legt am Nachmittag auf 4.203 Dollar zu, während der Euro auf 1,1348 Dollar fällt. Nach alter Lehrbuchsitte müsste das Edelmetall unter einem stärkeren Dollar leiden. Doch Lehrbücher kennen selten Tage, an denen Öl, Anleiherenditen und Fed-Erwartungen gleichzeitig am selben Nerv ziehen.
Der Goldanstieg ist deshalb kein Widerspruch. Er ist ein Realzins-Trade vor den US-Daten. Der Realzins ist der Nominalzins abzüglich der Inflationserwartung. Für Gold zählt er besonders, weil Gold keinen laufenden Zins zahlt. Je höher der reale Ertrag sicherer Anleihen, desto teurer wird das Halten von Gold. Je stärker aber die Furcht wächst, dass Inflation und Fed-Politik aus dem Takt geraten, desto eher kauft der Markt Versicherung.
Der feste Dollar ist nur die halbe Geschichte
Ein stärkerer Dollar belastet Gold normalerweise. Das Metall wird für Käufer außerhalb des Dollarraums teurer. Diese Mechanik erklärt viele Bewegungen, aber nicht jede. Am Dienstag überlagert der Zins die Währung.
Der Dollar gewinnt nicht aus Heiterkeit. Er gewinnt, weil Anleger höhere US-Zinsen und eine weniger freundliche Fed einpreisen. n-tv berichtet, Händler sähen die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung der Fed im Oktober inzwischen bei gut 70 Prozent. Das ist kein freundlicher Hintergrund für zinslose Anlagen. Es ist aber auch kein sauberer Abgesang auf Gold.
Denn der Markt handelt nicht nur den nächsten Leitzins. Er handelt die Frage, ob die Fed hinter der Inflation herläuft oder ihr voraus ist. Wenn Ölpreise die Inflationserwartungen heben, steigen Nominalrenditen nicht automatisch stärker als die gefühlte Inflationsgefahr. Genau in dieser Lücke findet Gold seine Käufer.
n-tv berichtet, der Dow Jones habe zum Wochenstart 0,7 Prozent auf 51.481 Punkte verloren, während der S&P 500 um 0,8 Prozent auf 7.683 Punkte nachgab. Die Ölpreise stiegen zeitweise um mehr als vier Prozent, nachdem US-Präsident Donald Trump einen iranischen Friedensplan zur Öffnung der Straße von Hormus abgelehnt hatte. Gleichzeitig zogen zehnjährige Bundesanleihen laut n-tv auf 3,649 Prozent und zehnjährige US-Staatsanleihen auf 5,234 Prozent an. Damit erreichten sie 17- beziehungsweise 19-Jahres-Hochs.
Öl macht aus Zinshoffnung wieder Zinssorge
Der Ölpreis ist derzeit mehr als ein Rohstoffpreis. Er ist ein Test für die hübsche Annahme, Inflation lasse sich von selbst aus den Portfolios verabschieden. Steigt Öl, steigen Transportkosten, Produktionskosten und am Ende die Nervosität der Notenbanker. Die Börse nennt das gern einen Schock. Ältere Jahrgänge würden sagen: Das ist die Rechnung.
Mohit Kumar, Ökonom bei Jefferies, brachte es gegenüber n-tv auf den knappen Satz: „Wir befinden uns gerade in einer Ein-Faktor-Welt, in der die Ölpreise die Zinsen beeinflussen und die Zinsen der Haupttreiber für alle Anlageklassen sind.“ Der Satz taugt als Tagesordnung für fast alle Märkte. Aktien fallen, Anleihen verlieren, Renditen steigen. Gold steigt dennoch, weil es nicht auf gute Laune setzt, sondern auf Misstrauen gegenüber der Zinsrechnung.
Auch Krypto zeigt, wie breit der Zins greift. Laut CoinDesk rutschte Bitcoin am Dienstag in den asiatischen Morgenstunden auf etwas über 83.100 Dollar, nachdem die zehnjährige US-Rendite den höchsten Stand seit 2007 berührt hatte. Zcash fiel laut CoinDesk um 12 Prozent, während die gesamte Marktkapitalisierung der Kryptowährungen nahe 2,86 Billionen Dollar lag. Die angeblich neue Finanzwelt trägt also wieder den alten Mantel des Zinses.
Die PCE-Kernrate prüft die Zinssenkungsfantasie
Am Mittwoch richtet sich der Blick auf die PCE-Kernrate. Sie misst die privaten Konsumausgaben ohne Energie und Lebensmittel und gilt als bevorzugtes Inflationsmaß der Fed. Der Name klingt nach Amtsstube. Die Wirkung ist weniger höflich.
Fällt die Kernrate milder aus, bekommt die Zinssenkungsfantasie wieder Luft. Dann kann Gold trotz festem Dollar weiter vom Gedanken leben, dass hohe Nominalrenditen bald weniger bedrohlich werden. Kommt die Zahl hartnäckig, wird das Bild ungemütlicher. Dann müsste der Markt erklären, warum er ein zinsloses Metall kauft, während die Fed eher straffer als lockerer klingt.
- Wed 30.09., 14:30 Uhr: USA – PCE-Kernrate (bevorzugtes Fed-Inflationsmaß) (erwartet 0,3 % nach 0,2 % zuvor)
- Wed 30.09., 14:30 Uhr: USA – Final GDP q/q (erwartet 1,5 % nach 1,5 % zuvor)
- Fri 02.10., 14:30 Uhr: USA – Stundenlöhne (Monat) (erwartet 0,3 % nach 0,3 % zuvor)
- Fri 02.10., 14:30 Uhr: USA – Arbeitsmarktbericht (neue Stellen) (erwartet 90K nach 162K zuvor)
Der Arbeitsmarkt gehört zur gleichen Prüfung. Schwächere Beschäftigungsdaten würden der Fed erlauben, stärker auf Wachstumssorgen zu achten. Robuste Daten würden den Spielraum verengen. Dann stünde der Markt wieder vor der alten Frage, ob er die Notenbank ernst nimmt oder sie nur so lange zitiert, wie es den Kursen dient.
Gold braucht fallende Realzinsen, nicht bloß Angst
Gold kann in Stressphasen steigen. Doch dauerhafte Bewegungen brauchen mehr als Unruhe. Sie brauchen eine Zinslogik. Wenn Nominalrenditen steigen und Inflationserwartungen nicht mithalten, steigen die Realzinsen. Das belastet Gold. Wenn aber die Inflationserwartungen ebenfalls anziehen oder die Fed wegen schwächerer Daten später zum Senken gezwungen wird, fällt der reale Druck. Dann wird Gold wieder weniger teuer zu halten.
Der Dienstag liefert dafür ein sauberes Beispiel. Der feste Dollar spricht gegen Gold. Die hohen Renditen sprechen ebenfalls dagegen. Der Ölpreisschub und die Unsicherheit vor den US-Daten sprechen dafür, dass Anleger ein Stück Misstrauen kaufen. Nicht gegen den Dollar, sondern gegen die Behauptung, die Fed habe den Pfad der Inflation schon sicher unter Kontrolle.
Diese Spannung gab es schon früher, nur trug sie andere Namen. 2007 war ebenfalls ein Jahr, in dem Renditen, Rohstoffe und Kreditangst einander jagten. Die Gegenwart hält sich gern für originell. Der Zins widerspricht ihr regelmäßig.
Morgen trägt der Marker einen nüchternen Namen: PCE-Kernrate. Stützt sie die Zinssenkungsfantasie, wirkt der heutige Goldanstieg wie ein vorweggenommener Realzins-Trade. Bricht sie diese Fantasie, bleibt vom Anstieg vor allem die Versicherung übrig, die man teuer bezahlt, wenn der Zins wieder das letzte Wort hat.







