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Wissen hbg / DFN-Redaktion · 19. October 2026, 19:34 Uhr · 4 Min. Lesezeit
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Retouren erreichen Rekordniveau und fressen Margen im Onlinehandel

560 Millionen Rücksendungen werden 2026 erwartet. Der Onlinehandel wächst, doch ein Teil des Wachstums läuft direkt durch Lager und Paketshops zurück.

Illustration: Retouren erreichen Rekordniveau und fressen Margen im Onlinehandel

1995 verkaufte Amazon Bücher im Internet. Die Idee klang sauber: mehr Auswahl, weniger Ladenfläche, bessere Skalierung. Drei Jahrzehnte später bestellt Europa Kleidung, Technik und Haushaltsware mit einem Wisch. Der alte Traum lebt. Nur läuft heute ein wachsender Teil der Ware wieder zurück.

Laut tagesschau.de erwartet die Forschungsgruppe Retourenmanagement an der Universität Bamberg für 2026 rund 560 Millionen Retourenpakete. Ihr Leiter Björn Asdecker sagt: „Das sind so viele wie noch nie.“ Schon jetzt gehe fast jedes vierte im Onlinehandel verschickte Paket zurück an den Absender. Genannt werden 24,1 Prozent der Bestellungen.

Diese Zahl erklärt einen einfachen Fehler in der E-Commerce-Erzählung. Umsatz entsteht schnell. Gewinn entsteht spät. Zwischen beiden liegen Versand, Lager, Prüfung, Neuverpackung, Abschriften und manchmal Betrug. Wer nur auf Wachstum schaut, sieht den leichtesten Teil des Geschäfts.

Der Umsatz entsteht beim Klick, der Gewinn erst nach der Rücksendefrist

Onlinehandel sieht von außen wie ein Softwaregeschäft aus. Mehr Kunden kommen auf die Seite. Mehr Bestellungen laufen durch dasselbe System. Die Fixkosten verteilen sich auf mehr Umsatz. So lautet die schöne Skalierungsstory.

Der physische Teil widerspricht ihr. Jedes Paket braucht Platz, Wege und Hände. Jede Rücksendung verdoppelt einen Teil dieser Arbeit. Die Ware muss zurückkommen, erfasst, geprüft und wieder verkaufsfähig gemacht werden. Manches landet mit Rabatt im Verkauf. Manches ist Saisonware und verliert Wert, während es unterwegs ist.

Die Zahl dahinter
24,1 Prozent

So hoch ist laut tagesschau.de der Anteil der Bestellungen im Onlinehandel, die bereits zurück an den Absender gehen.

Der Unterschied zwischen Umsatz und Ergebnis ist hier besonders hart. Eine Bestellung kann in der Statistik voll zählen und im Ergebnis kaum etwas bringen. Bei niedrigen Warenmargen reicht eine hohe Retourenquote, um den Deckungsbeitrag aufzufressen. Deckungsbeitrag meint den Betrag, der nach variablen Kosten zur Deckung der Fixkosten übrig bleibt.

Kostenlose Rücksendung wirkt wie ein stiller Rabatt

Kostenlose Bequemlichkeit ist selten kostenlos. Sie wird nur an einer anderen Stelle bezahlt. Im Onlinehandel zahlt sie oft der Händler, manchmal der Marktplatz, am Ende häufig die gesamte Kalkulation.

Eine kostenlose Retoure wirkt wie eine Versicherung für den Käufer. Sie senkt die Hemmung beim Bestellen. Bei Kleidung kann ein Kunde mehrere Größen bestellen und nur eine behalten. Für den Umsatz ist das zunächst angenehm. Für Lager und Kapitalbindung ist es schwer.

Hinzu kommt ein Verhalten, das keine Preisliste sauber abbildet. Wer eine Rücksendung ohne spürbare Kosten erlebt, behandelt die Bestellung anders. Aus Kauf wird Probe. Aus Warenkorb wird Umkleidekabine. Das ist menschlich. Es ist aber teuer.

Auch Betrug gehört zu dieser Mechanik. Händler müssen mit benutzter Ware, falsch deklarierten Rücksendungen oder leeren Paketen umgehen. Große Systeme können vieles automatisieren. Sie können Vertrauen aber nie vollständig ersetzen. Je höher das Volumen, desto mehr kleine Schäden werden zur relevanten Kostenposition.

Der Kiosk zeigt, wer an der Bequemlichkeit sofort verdient

Die tagesschau.de beschreibt den Mainzer Kiosk von Oktay Danisir im Stadtteil Mombach. Zwischen Getränken, Süßigkeiten, Toastbrot und Konserven stapeln sich dort Pakete. Seine Mitarbeiterin Julianna Iktaii ordnet sie so, dass niemand darüber fällt.

Danisir arbeitet nach eigenen Angaben mit fünf Paketdiensten zusammen. „Jeden Montag werden bei mir 200 bis 300 Pakete von den Paketdiensten abgeholt“, sagte er der tagesschau.de. Seit acht Jahren betreibt er den Laden. Das Paketaufkommen sei in den vergangenen Jahren immer größer geworden.

Für Danisir lohnt sich das Geschäft. Für Paketdienste auch. Für den Händler, der die Ware verkauft hat, ist dieselbe Bewegung zwiespältig. Jedes Paket im Kiosk kann ein erfüllter Kauf sein. Es kann aber auch ein Verkauf sein, der gerade rückabgewickelt wird.

Das ist die leise Umverteilung im E-Commerce. Bequemlichkeit schafft neue Einnahmen entlang der Logistikkette. Paketshops, Dienstleister, Lagerbetreiber und Softwareanbieter verdienen an jedem zusätzlichen Vorgang. Der Händler trägt dagegen das Risiko, dass ein Teil der Transaktionen am Ende nur Bewegung war.

Was Beobachter aus den Retouren lesen

Für Unternehmen im Onlinehandel sagt die Retourenquote oft mehr als das reine Umsatzwachstum. Ein Shop kann wachsen, weil Kunden zufrieden sind. Er kann aber auch wachsen, weil Rücksendungen zu leicht gemacht werden. Beide Kurven sehen in der Präsentation ähnlich aus. In der Gewinnrechnung trennen sie sich.

Worauf jetzt achten
  • Retourenquote: Steigt sie schneller als der Umsatz, verliert Skalierung an Kraft.
  • Logistikkosten: Höhere Paket- und Lagerkosten treffen besonders Händler mit niedrigen Warenmargen.
  • Rückgaberegeln: Kürzere Fristen, Gebühren oder strengere Prüfungen zeigen, wo Bequemlichkeit neu bepreist wird.

Darum sind scheinbar kleine Regeländerungen wichtig. Eine Rücksendegebühr kann Kunden verärgern. Sie kann aber auch verhindern, dass ein Händler seine beste Leistung verschenkt. Eine strengere Prüfung kann Reibung erzeugen. Sie kann zugleich Missbrauch senken und den Wert der Ware schützen.

Der stärkste Einwand lautet: Einfache Retouren schaffen Vertrauen. Ohne sie würden viele Kunden weniger bestellen. Das stimmt. Gerade neue Marken und Marktplätze brauchen dieses Vertrauen. Die Frage ist nur, ob Vertrauen dauerhaft über kostenlose Logistik finanziert werden kann.

Der Onlinehandel hat den Einkauf schneller gemacht. Er hat ihn nicht schwerelos gemacht. Ware bleibt Ware. Sie braucht Raum, Zeit und Arbeit. Je stärker der Wettbewerb Preise drückt, desto sichtbarer werden diese alten Kosten.

Am Ende bleibt eine präzise Frage offen: Welche Retourenquote trägt ein Geschäftsmodell noch, wenn es zugleich Wachstum, niedrige Preise und kostenlose Bequemlichkeit verspricht?

hbg.
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