Deutsche-Finanznachrichten.de
KurseWochenendausgabe · Saturday, 3. October 2026
Meinung mkr / DFN-Redaktion · 2. October 2026, 13:03 Uhr · 5 Min. Lesezeit
Teilen

1,26 Milliarden Dollar: Krypto-Hacks kassieren im Bullenmarkt mit

Bitcoin steigt, ETFs saugen Kapital an, doch CertiK zählt 1,26 Milliarden Dollar Hackverluste im Quartal. Die Kosten verschwinden nicht, sie wandern.

Illustration: 1,26 Milliarden Dollar: Krypto-Hacks kassieren im Bullenmarkt mit

Im Februar 2025 zählte die Kryptobranche zuletzt so viele Sicherheitsvorfälle, dass der Monat noch immer als Vergleichsmarke taugt. Jetzt ist diese Marke wieder im Spiel. Eine bemerkenswerte Eigenschaft eines Bullenmarktes ist, dass er fast alles wie Wachstum aussehen lässt. Auch Verluste, die eigentlich eine Rechnung sind.

Bitcoin schloss das dritte Quartal laut CoinDesk 40 Prozent höher. Anleger steckten Milliarden in börsengehandelte Produkte auf Bitcoin und andere Token. Parallel meldete die Sicherheitsfirma CertiK laut CoinDesk 247 Sicherheitsvorfälle im selben Quartal. Die Verluste summierten sich auf 1,26 Milliarden Dollar. Für das bisherige Jahr stehen 2,68 Milliarden Dollar in der Statistik.

Das wirkt auf den ersten Blick wie zwei verschiedene Märkte. Hier die saubere ETF-Welt mit Prospekt, Verwahrer und Gebührenzeile. Dort die unaufgeräumte On-Chain-Welt mit Bridges, Smart Contracts und Angriffsflächen. Leider benutzen beide denselben Ruf. Und Reputation ist im Finanzmarkt keine Deko. Sie ist Infrastruktur.

Die Rally macht die Verluste kleiner, als sie sind

September war laut CertiK der härteste Monat des Jahres. CoinDesk berichtet von 99 Vorfällen und 768,5 Millionen Dollar gestohlenen Geldern. Das ist die komische Buchhaltung des Bullenmarktes: Steigen die Kurse stark genug, werden selbst große Schäden optisch kleiner. Der Markt kapitalisiert die Hoffnung. Die Hacks buchen dagegen still gegen das Vertrauen.

Diese Verluste verschwinden nicht, nur weil sie selten im ETF-Chart auftauchen. Jemand bezahlt sie. Nutzer verlieren Geld. Projekte versprechen Erstattung. Protokolle finanzieren Audits, Versicherungen, Bug-Bounties und Krisenkommunikation. Market Maker verlangen eine höhere Prämie für Risiko. Gründer bauen kompliziertere Schutzschichten. Am Ende wird aus jedem Exploit eine Art Steuer auf die Nutzung des Systems.

Diese Steuer steht in keinem Whitepaper. Sie ist auch nicht demokratisch beschlossen. Sie entsteht, weil Krypto viele Finanzfunktionen in Software schiebt und dann so tut, als sei Software automatisch billiger als Banken. Manchmal stimmt das. Manchmal ersetzt man den Schalterbeamten nur durch einen Smart Contract, der am Donnerstagabend feststellt, dass er Geld sehr effizient in die falsche Richtung bewegen kann.

Die Gegenposition

Die andere Seite hat ein starkes Argument: Laut CoinDesk erklärte Sondergaard, die Verluste fielen bisher kaum ins Gewicht, weil institutionelle Anleger Krypto vor allem über regulierte, vertraute Hüllen kaufen und DeFi-Protokolle meiden. Der Punkt ist ernst zu nehmen: Ein Bitcoin-ETF-Käufer trägt nicht dasselbe technische Risiko wie ein Nutzer einer Cross-Chain-Plattform.

NEAR Intents zeigt, wo die Steuer entsteht

Der jüngste Fall passt unangenehm gut in dieses Bild. NEAR Intents erlitt laut CoinDesk am Donnerstag einen Exploit mit rund 3,8 Millionen Dollar Verlust. Die Plattform pausierte Dienste und schränkte Ein- und Auszahlungen auf mehreren Blockchains zeitweise ein. Das Projekt führte den Vorfall auf einen Fehler im Zusammenspiel des Omni-Systems für Ein- und Auszahlungen mit dem Smart Contract von NEAR Intents zurück.

NEAR Intents soll Handel über verschiedene Blockchains vereinfachen. Nutzer geben an, welchen Tausch sie wollen. Unabhängige Market Maker, sogenannte Solver, konkurrieren im Hintergrund um die Ausführung. Das ist elegant, solange es funktioniert. Es ist auch eine schöne Maschine zur Konzentration von Komplexität. Der Nutzer muss weniger sehen. Der Angreifer muss nur wissen, wo die Komplexität schlecht verschraubt ist.

Die Plattform erklärte laut CoinDesk, die Schwachstelle sei behoben und betroffene Gelder würden vollständig erstattet. Das ist besser als das Gegenteil. Es ändert aber nichts an der Mechanik. Eine Erstattung verwandelt einen Diebstahl nicht in einen Nicht-Vorfall. Sie verschiebt den Schaden auf die Bilanz, auf Versicherungen, auf Investoren oder auf künftige Gebühren. Der Fehler bekommt ein Preisschild und sucht sich dann einen Zahler.

NEAR Intents verweist laut CoinDesk auf mehr als 30 Milliarden Dollar abgewickeltes Volumen über 35 Blockchains. Genau solche Zahlen erklären, warum Angriffe attraktiv bleiben. Wo viel Durchsatz ist, lohnt sich die Suche nach einem winzigen Fehler. Krypto hat gern die Erzählung, dass Code Gesetz sei. Hacker lesen das offenbar als Einladung zur Rechtsauslegung.

Neue Verwahrerregeln treffen nur die Vorderseite

Die SEC arbeitet derweil an der ordentlichsten Ecke des Problems. Am Donnerstag legte die Behörde laut CoinDesk einen 760 Seiten starken Vorschlag für Kryptoverwahrung bei Anlageberatern und Fonds vor. SEC-Chef Paul Atkins sagte, der Vorschlag solle einen klaren Rahmen schaffen, wo zuvor Unsicherheit herrschte. Die Regel soll klären, welche Firmen Kryptoanlagen von Kunden halten dürfen, welche Aufzeichnungen nötig sind und welche Prüfpflichten gelten.

Das ist sinnvoll. Verwahrung ist nicht langweilig, nur weil sie so klingt. Wer Kundengelder hält, braucht Regeln, Kontrollen und Haftung. Die SEC will laut CoinDesk sogar begrenzte Selbstverwahrung zulassen, also Fälle, in denen ein Berater Kundengelder selbst hält. Schon dieser Punkt zeigt, wie schwer die alte Finanzsprache auf neue Technik passt.

Doch Verwahrung löst nur die Vorderseite des Krypto-Problems. Ein regulierter Fonds kann seine Coins ordentlich halten und trotzdem in einem Ökosystem leben, dessen Anwendungen, Bridges und Handelswege regelmäßig angegriffen werden. Die Banktür kann gepanzert sein. Wenn daneben die Lieferluke offensteht, bleibt die Versicherung nervös.

Die Versicherungslücke sagt mehr als die Kursrally

Der Versicherungsmarkt spricht hier nüchterner als jede Bullenmarkt-Erzählung. CoinGecko bezifferte die Kapazität für On-Chain-Krypto-Versicherungen laut CoinDesk Ende August auf 130,2 Millionen Dollar. Im Vorjahr waren es 163 Millionen Dollar. Das ist ein Rückgang um 20,2 Prozent, während die gemeldeten Verluste im dritten Quartal allein 1,26 Milliarden Dollar erreichten.

Diese Lücke ist kein Randdetail. Versicherer verdienen Geld damit, Risiken zu bepreisen. Wenn die Kapazität klein bleibt oder schrumpft, obwohl der Markt wächst, sagt das etwas über die Unsicherheit der Schäden. Der Bullenmarkt kann Tokenpreise heben. Er kann aber nicht per Knopfdruck eine belastbare Risikohistorie erzeugen.

Genau hier frisst der Sicherheitsverlust den Bullenmarkt an der stillen Stelle auf. Nicht als Crash. Nicht als Schlagzeile, die jede Rally stoppt. Sondern als dauernder Abschlag auf Vertrauen, Nutzung und Regulierungsgeschwindigkeit. Krypto kann mit Hacks steigen. Das ist sogar gerade die Pointe. Aber je mehr Kapital in die Branche fließt, desto teurer wird die Behauptung, Sicherheit sei ein Nebenproblem.

Ein Bullenmarkt, der seine Lecks ignoriert, steigt nicht kostenlos; er verteilt die Rechnung nur besser.

Abstimmung

„Krypto-Hacks wirken im Bullenmarkt wie eine Steuer auf das gesamte Ökosystem.“

444 Stimmen bisher
mkr.
Teilen
Illustration: Diesel-Exportverbot: Der Preis kann im Inland hoch bleiben
Wissen

Diesel-Exportverbot: Der Preis kann im Inland hoch bleiben

Ein Exportstopp soll US-Diesel verbilligen. Doch Raffinerien, Lieferketten und regionale Engpässe können den Druck genau dort halten, wo er weg soll.

Illustration: Google testet KI-Chips im All. Rechenzentren stoßen an Grenzen
Wissen

Google testet KI-Chips im All. Rechenzentren stoßen an Grenzen

Googles Satellitentest wirkt klein: vier Chips, einfache KI-Anfragen. Spannend ist, welche Bodenprobleme Big Tech damit offenlegt.