Deutsche-Finanznachrichten.de
KurseWochenendausgabe · Saturday, 24. October 2026
Märkte okl / DFN-Redaktion · 23. October 2026, 16:32 Uhr · 4 Min. Lesezeit
Teilen

Anleger verkaufen KI-Aktien und zweifeln an Gewinnen aus KI-Investitionen

Sinkende US-Renditen helfen Tech nicht mehr. Meta, Nvidia und Chipwerte fallen, weil der Markt die teuren KI-Ausgaben gegen künftige Erträge rechnet.

Illustration: Anleger verkaufen KI-Aktien und zweifeln an Gewinnen aus KI-Investitionen

2023, beim Zusammenbruch der Silicon Valley Bank, wurde ein fallender Anleihezins nicht als Geschenk an Aktien gelesen, sondern als Misstrauensvotum gegen die Stabilität des Systems. Jetzt fällt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen wieder so heftig, laut MarketWatch mit dem größten Tagesrückgang seit jenem Bankenschock. Doch der alte Reflex trägt nicht. Der Tech-Ausverkauf hält, weil der Markt die KI-Geschichte vom Zins in die Gewinn- und Kapitalrechnung verschiebt.

Der Renditerutsch tröstet weniger, als er sollte

Gewöhnlich hilft ein sinkender Anleihezins den großen Wachstumsaktien. Ihre Gewinne liegen weit in der Zukunft. Je niedriger der Zins, desto mehr sind diese künftigen Gewinne heute wert. Diese einfache Mechanik hat den Tech-Sektor über Jahre begleitet, mit der Geduld eines gut bezahlten Hauslehrers.

Am Donnerstag versagte diese Mechanik. n-tv berichtet, der S&P 500 sei um 1,21 Prozent auf 7663,43 Punkte gefallen. Der Nasdaq Composite verlor 2,6 Prozent auf 26008,86 Punkte. Es war laut n-tv der größte Rückgang seit Anfang Juni. Zugleich gaben die Anleiherenditen deutlich nach. Der Dow Jones schloss dagegen mit einem hauchdünnen Plus von 0,02 Prozent bei 52867,98 Punkten.

Der Markt sendete damit zwei Botschaften. In der alten Lesart wäre der Renditerückgang eine Entlastung für Aktien gewesen. In der neuen Lesart kann er auch Angst bedeuten. Wenn Anleger Staatsanleihen kaufen, weil sie Wachstumssorgen haben, fällt der Zins zwar. Der Grund für den fallenden Zins ist dann aber kein Geschenk an riskante Bewertungen.

Meta macht aus KI-Ausgaben eine Gewinnfrage

Der Auslöser lag nicht im Kalender der Notenbank, sondern in den Investitionsplänen der Tech-Konzerne. Meta Platforms verlor laut n-tv 7 Prozent, nachdem das Unternehmen zusätzliche künftige Ausgabenverpflichtungen in Milliardenhöhe bekanntgegeben hatte. Der Gewinn verfehlte trotz stark steigender Umsätze die Erwartungen der Wall Street.

Damit rückt eine unbequeme Frage nach vorn. Die Börse hat die KI-Rally lange als Geschichte über kommende Produktivität behandelt. Nun fragt sie, wer die Fabrik bezahlt, bevor die Fabrik die Wunder liefert. Rechenzentren, Chips, Strom und Cloud-Kapazitäten erscheinen in der Gewinn- und Verlustrechnung nicht als Poesie. Sie erscheinen als Kosten.

n-tv zitiert den Investor und Analysten Louis Navellier mit dem Satz: „Das geht alles auf Meta zurück.“ Er meinte damit die branchenweiten Verluste nach den Meta-Zahlen. Zugleich berichtete n-tv, Nvidia-Chef Jensen Huang habe erklärt, der Branche fehle Kapital, um das Wachstum sogenannter Neoclouds anzukurbeln. Neoclouds sind Anbieter digitaler Infrastruktur für KI-Anwendungen. Wer so spricht, beschreibt keinen Mangel an Fantasie. Er beschreibt einen Mangel an Finanzierungskraft.

Zwei Lager
Die Bullen sagen

Der Renditerückgang senkt den Druck auf Bewertungen. Wenn die großen Plattformen ihre KI-Ausgaben später in höhere Margen verwandeln, wirkt der Ausverkauf wie ein zu strenges Urteil.

Die Bären halten dagegen

Die Kapitalausgaben steigen heute, die erhofften Gewinne liegen später. Sinkende Renditen helfen wenig, wenn Anleger die Höhe und den Zeitpunkt dieser Gewinne neu anzweifeln.

Die Marktbreite widerspricht dem Indexbild

Besonders bemerkenswert ist die Spaltung innerhalb des Marktes. MarketWatch beschreibt den US-Aktienmarkt als Wippe, mit KI-Aktien auf der einen Seite und fast allem anderen auf der anderen. Das Bild ist schlicht. Es ist auch ziemlich treffend.

Laut MarketWatch fiel der S&P 500 am Donnerstag um mehr als 1 Prozent. Gleichzeitig schlossen mehr als 300 einzelne Aktien aus dem Index im Plus. Eine so starke Divergenz zwischen Index und Mitgliedern habe es laut Dow Jones Market Data seit Januar 2025 nicht gegeben, berichtet MarketWatch.

Das ist keine normale Korrektur, bei der alles mit ungefähr gleicher Schwere nach unten sinkt. Es ist eine Neubewertung der bisherigen Führungsgruppe. Die Indizes werden von wenigen großen Namen dominiert. Wenn diese Namen fallen, kann der Index schwach wirken, obwohl viele andere Aktien steigen. Der Durchschnitt der Börse wirkt dann gesünder als ihr Schaufenster.

Für Anleger, die nur auf den Index blicken, entsteht ein trügerisches Bild. Der S&P 500 fällt, also scheint der ganze Markt krank. Die Einzeltitel erzählen etwas anderes. Kapital verlässt nicht zwingend Aktien als Anlageklasse. Es verlässt die überfüllte Erzählung, in der jede KI-Ausgabe irgendwann zwangsläufig zum Gewinn wird.

Der alte Zinsreflex reicht für diese Rally nicht mehr

Die Jahre der billigen Finanzierung haben eine bequeme Gewohnheit erzeugt. Sobald Renditen fallen, atmeten Wachstumsaktien auf. Der Zins war das große Alibi der Bewertung. Fiel er, durfte fast jede Zukunft größer erscheinen.

Jetzt prüft der Markt die zweite Seite der Gleichung. Ein niedrigerer Zins erhöht den Gegenwartswert künftiger Gewinne. Er schafft diese Gewinne aber nicht. Wenn Meta Milliarden zusätzlich zusagt, wenn Chipwerte abrutschen und der PHLX Semiconductor Sector Index laut n-tv um 6,7 Prozent einbricht, dann geht es nicht mehr nur um den Preis des Geldes. Es geht um die Frage, ob das eingesetzte Geld rechtzeitig genug Ertrag bringt.

MarketWatch verweist zudem auf den CNN-Index „Fear & Greed“, der Angst signalisiert. Solche Stimmungsbarometer sind keine Orakel. Sie passen aber zum Bruch in der Marktlogik. Ein Renditerutsch, der früher wie Medizin schmeckte, kommt nun mit dem Beipackzettel einer Wachstumssorge.

Das stärkste Gegenargument bleibt bestehen. Wenn KI die erwarteten Produktivitätsgewinne liefert, erscheinen die heutigen Investitionen rückblickend vielleicht maßvoll. Die Börsengeschichte kennt solche Phasen. Eisenbahn, Elektrifizierung und Internet verschlangen zunächst Kapital, bevor die Gewinner sichtbar wurden. Nur war die Zwischenzeit nie ein höflicher Spaziergang für jede Aktie, die das richtige Schlagwort im Namen trug.

Darum ist die aktuelle Spaltung so lehrreich. Der Markt verwirft nicht die ganze KI-These. Er verlangt eine bessere Rechnung. Wer vom sinkenden Zins allein Erlösung erwartet, verwechselt den Rabatt auf die Zukunft mit der Zukunft selbst.

Wenn der Zins fällt und die teuersten Aktien trotzdem fallen, hat die Börse den Glauben nicht an Geld, sondern an die Erzählung verloren.

Leser-Barometer

„Fallende US-Renditen reichen nicht mehr, um die KI-Rally zu tragen.“

490 Stimmen bisher
okl.
Teilen
Illustration: Reichen Altersvorsorgedepot und Kapitalrente für die Rentenlücke?
Wissen

Reichen Altersvorsorgedepot und Kapitalrente für die Rentenlücke?

Die neuen Vorsorgepläne versprechen mehr Markt für die Rente. Doch bei Beiträgen, Kosten und politischen Zugriffen beginnt die härtere Rechnung erst.

Illustration: Warum bremst alter Ethereum-Code das nächste Upgrade?
Wissen

Warum bremst alter Ethereum-Code das nächste Upgrade?

Ethereum will mehr Kapazität, doch neue Gas-Regeln könnten alte Smart Contracts anders ausführen. Die Verschiebung zeigt den Preis der Kompatibilität.