Der DAX hängt heute stärker an den US-Preisdaten als an der EZB

Wolfgang Bauer von Royal London Asset Management sagt laut tagesschau.de, eine Zinserhöhung der EZB um 25 Basispunkte sei am Markt vollständig eingepreist. 25 Basispunkte sind 0,25 Prozentpunkte. Für den DAX ist das nur die halbe Wahrheit. Der sichtbare Termin liegt in Frankfurt und später bei der EZB. Die empfindlichere Stelle liegt um 14:30 Uhr bei den US-Erzeugerpreisen.
Der Grund ist schlicht. Der Markt kennt die erwartete EZB-Anhebung auf 2,65 Prozent fast auswendig. Eingepreist heißt: Viele Marktteilnehmer haben diese Erwartung bereits in Kurse, Renditen und Absicherungen eingebaut. Eine erwartbare Entscheidung kann noch bewegen, aber sie muss dafür etwas Unerwartetes im Begleittext liefern. Die US-Preisdaten dagegen treffen auf eine nervöse Zinslandschaft, auf Öl über 100 Dollar und auf die alte Angst, dass höhere Kosten erst die Margen und dann die Notenbanken beschäftigen.
Der DAX startet mit einer alten Last: Öl über 100 Dollar
Der deutsche Markt kommt nicht aus einer theoretischen Debatte. Der DAX ging am Mittwoch laut tagesschau.de mit einem Abschlag von 1,7 Prozent bei 25.576 Punkten aus dem Handel. Als Auslöser nennt der Bericht die erneute Eskalation im Nahen Osten. Sie trieb Brent erstmals seit Mitte Juli wieder über die Marke von 100 Dollar je Barrel.
Das ist für Aktien keine exotische Nachricht aus dem Rohstoffregal. Öl ist Input, Transportkosten, Chemiegrundlage, Heizkosten und politischer Nerv zugleich. Ein steigender Ölpreis frisst nicht überall sofort Gewinn. Aber er erhöht die Zahl der Unternehmen, die erklären müssen, warum ihre Kosten wieder schneller steigen als ihre Verkaufspreise.
Vor dem Xetra-Start taxierte der Broker IG den DAX laut tagesschau.de nur 10 Punkte höher auf 25.586 Punkte. Das klingt nach Ruhe. Es ist eher eine Atempause. Der Markt hat gestern nicht verkauft, weil die EZB heute sehr wahrscheinlich handelt. Er hat verkauft, weil Energiepreise eine Inflationsgeschichte neu aufschlagen, die viele bereits als halb erledigt im Archiv wähnten.
„Wenn Öl die Inflationsangst weckt, wird aus jedem Preisdaten-Termin wieder ein Zinstermin.“
Zum MitnehmenDer EZB-Schritt ist der sichtbare Teil der Rechnung
Die EZB steht dennoch im Mittelpunkt des europäischen Vormittags. tagesschau.de berichtet, die Entscheidung werde um 14.15 Uhr verkündet. Die Inflation in der Eurozone sei zuletzt auf 3,3 Prozent gestiegen. An den Finanzmärkten werde deshalb mit einer weiteren Anhebung gerechnet. Im heute erwarteten Schritt auf 2,65 Prozent steckt die Botschaft, dass die EZB noch nicht bereit ist, den Ölpreisschock als vorübergehendes Ärgernis abzutun.
Das erklärt auch, warum der bloße Zinsschritt für den DAX weniger Sprengkraft haben dürfte als der Ton danach. Bauer formuliert laut tagesschau.de die eigentliche Unterscheidung als Frage, ob der September-Schritt den Abschluss einer kurzen, vorsorglichen Straffung markiere oder den Übergang zu einem längeren Zinserhöhungszyklus. Diese Frage ist nicht akademisch. Sie entscheidet darüber, ob höhere Finanzierungskosten als begrenzte Reparatur gelten oder als neue Grundausstattung der Bilanzplanung.
Für Aktien ist der Unterschied erheblich. Ein einzelner Zinsschritt lässt sich in Bewertungsmodellen verdauen. Ein längerer Zyklus verändert die Diskontsätze, also die Zinssätze, mit denen künftige Gewinne auf ihren heutigen Wert zurückgerechnet werden. Je ferner diese Gewinne in der Zukunft liegen, desto empfindlicher reagieren ihre heutigen Bewertungen. Der alte Zins kommt dann höflich durch die Vordertür zurück, obwohl die Party noch Musik bestellt hatte.
- Do. 10.09., 14:15 Uhr: Euroraum – EZB-Zinsentscheid (erwartet 2,65 % nach 2,40 % zuvor)
- Do. 10.09., 14:15 Uhr: Euroraum – Geldpolitisches Statement
- Do. 10.09., 14:30 Uhr: USA – Erzeugerpreise Kernrate (Monat) (erwartet 0,3 % nach 0,2 % zuvor)
- Do. 10.09., 14:30 Uhr: USA – Erzeugerpreise (Monat) (erwartet 0,4 % nach 0,0 % zuvor)
Um 14:30 Uhr wandert der Blick nach Washington
Die US-Erzeugerpreise haben deshalb ein größeres Störpotenzial, als ihr technischer Name vermuten lässt. Sie messen die Preise auf Produzentenebene. Für den Aktienmarkt zählen sie, weil sie frühe Hinweise auf Kostendruck geben. Wenn Unternehmen mehr für Vorprodukte, Energie und Transport zahlen, stehen sie vor zwei schlechten Möglichkeiten. Sie geben Kosten weiter und riskieren schwächere Nachfrage. Oder sie schlucken Kosten und riskieren sinkende Margen.
Genau diese Brücke führt zur Fed. n-tv berichtet, die Wall Street habe am Mittwoch unter Sorgen über steigende Ölpreise und höhere Anleiherenditen gelitten. Der Dow Jones schloss demnach 0,8 Prozent tiefer bei 52.381 Punkten, der S&P 500 verlor 0,5 Prozent auf 7.636 Punkte, die Nasdaq gab 0,6 Prozent auf 26.253 Punkte nach. Das ist kein amerikanischer Nebenschauplatz. Es ist der Preiszettel für globale Aktienbewertungen.
Besonders aufschlussreich ist der Rentenmarkt. Laut n-tv stieg die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit November 2023. Das US-Finanzministerium kündigte zugleich Käufe zehn- bis 20-jähriger Staatsanleihen von bis zu sechs Milliarden Dollar an. Analysten hatten nach n-tv mit acht bis zehn Milliarden Dollar gerechnet. Rob Haworth von U.S. Bank Wealth Management sagte dazu, dies beunruhige die Märkte etwas, zumal es bis zum Beginn der Berichtssaison für das dritte Quartal wenig gebe, worauf man sich bei Gewinnerwartungen stützen könne.
Dieser Satz verdient Beachtung, weil er zwei Schwächen verbindet. Erstens steigt der Zinsdruck am langen Ende. Zweitens fehlen frische Gewinnmeldungen, die höhere Bewertungen rechtfertigen könnten. In solchen Phasen reagieren Märkte nicht gelassen auf Preisdaten. Sie suchen darin eine Antwort auf die Frage, ob die Fed länger streng bleiben muss.
Öl macht aus Margenangst wieder Notenbankangst
Der Konsens hofft gern auf saubere Zuständigkeiten. Die EZB kümmert sich um Europa. Die Fed kümmert sich um Amerika. Der DAX kümmert sich um deutsche Gewinne. Die Wirklichkeit ist weniger ordentlich. Ein Ölpreis über 100 Dollar verbindet Energierechnung, Inflationserwartung, Anleiherendite und Aktienbewertung zu einer einzigen Kette.
Für den DAX kommt noch etwas hinzu. Viele Schwergewichte verkaufen weltweit, kaufen Vorprodukte weltweit und finanzieren sich in einem Zinsumfeld, das stark von den USA geprägt bleibt. Wenn US-Erzeugerpreise stärker ausfallen als erwartet, trifft das nicht nur den Dollarraum. Es verschiebt die Debatte über die Fed und damit den globalen Bewertungsmaßstab. Frankfurt kann dann sehr deutsch eröffnen und am Nachmittag doch amerikanisch rechnen.
Das stärkste Gegenargument lautet: Die EZB spricht heute, die US-Daten sind nur ein weiterer Baustein. Das stimmt, soweit es um den Kalender geht. Es greift zu kurz, sobald man die Überraschungskraft betrachtet. Eine fast erwartete EZB-Anhebung muss mit Worten überraschen. Ein heißer US-Erzeugerpreisindex kann dagegen sofort die Hoffnung beschädigen, dass der Ölpreisanstieg für die Notenbanken folgenlos bleibt.
So entsteht der eigentliche Rhythmus des Tages. Der Vormittag gehört der Vorsicht nach dem DAX-Rückgang. Der frühe Nachmittag gehört der EZB und ihrer Wortwahl. Danach gehört die Bühne den US-Preisdaten, weil sie den Ölpreisschock in Fed-Erwartungen übersetzen können. MarketWatch fasst den unbequemen Zusammenhang nüchtern zusammen: Ein längerer Ölpreisschock könnte die Verbraucherpreise erhöht halten und den Kurs der Notenbanken verkomplizieren.







