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Aktien lbn / DFN-Redaktion · 28. September 2026, 12:31 Uhr · 5 Min. Lesezeit
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Kann Micron S&P-500-Gewinne stärker bewegen als Nvidia?

KI gilt als Nvidia-Story. Doch bei Speicherchips wirkt ein anderer Hebel: kleine Preisänderungen können bei Micron große Gewinnsprünge auslösen.

Illustration: Kann Micron S&P-500-Gewinne stärker bewegen als Nvidia?

Die gängige Marktposition am US-Aktienmarkt lautet: KI ist Nvidia. Sie stimmt in der ersten Ableitung. Ohne Nvidia gäbe es den aktuellen KI-Investitionszyklus an der Börse in dieser Form kaum. Für die nächste Gewinnwelle im S&P 500 kann diese Erzählung trotzdem zu eng sein. Der unscheinbarere Hebel sitzt bei Speicherchips. Dort verdient Micron sein Geld, und dort kann ein alter Zyklus plötzlich moderner wirken als jede neue KI-Demo.

Der S&P 500 steht zur europäischen Handelszeit bei 7.743 Punkten. Dieser Stand bündelt sehr viel Vertrauen in künftige Gewinne. Die Frage ist daher nicht nur, welche Firma am sichtbarsten von KI profitiert. Interessanter ist, wo sich die Gewinnschätzungen noch stark ändern können. Nvidia ist groß, profitabel und ständig im Blick. Micron kommt aus einem Geschäft, das Investoren seit Jahrzehnten als brutal kennen: DRAM, also Arbeitsspeicher, und NAND, also dauerhafter Datenspeicher. Genau diese Brutalität macht den Fall spannend.

Der Gewinnhebel liegt im Speicher, nicht nur in der GPU

Ein KI-Server besteht nicht aus einer Grafikkarte und Magie. Er braucht Rechenchips, Netzwerktechnik, Energie, Kühlung und Speicher. High Bandwidth Memory, kurz HBM, ist dabei ein besonders schneller, gestapelter DRAM-Speicher. Er sitzt eng an den KI-Beschleunigern und liefert Daten so schnell nach, dass die teuren Rechenchips nicht warten müssen.

Damit verschiebt sich die Logik. In der alten PC-Welt war Speicher oft ein austauschbarer Kostenblock. In der KI-Welt kann Speicher zum Engpass werden. Ein Beschleuniger, der auf Daten wartet, ist ein teurer Stillstand. Für Betreiber großer Rechenzentren zählt daher nicht nur der Preis eines einzelnen Chips. Es zählt, ob das ganze System ausgelastet läuft.

Micron ist kein zweites Nvidia. Das Unternehmen verkauft keine dominierende KI-Plattform. Es verkauft Bauteile in einem Markt, der traditionell von Angebot, Nachfrage und Lagerbeständen getrieben wird. Doch wenn HBM und hochwertiger DRAM knapper werden, verändert sich der Preishebel. Aus einem Lieferanten für zyklische Komponenten wird ein Anbieter für Kapazität, die im KI-Ausbau plötzlich knapp ist.

Marktstand

Warum der alte DRAM-Zyklus plötzlich modern wirkt

Speicherchips sind berüchtigt, weil sie sich wie Rohstoffe verhalten. Wenn Hersteller zu viel Kapazität aufbauen, fallen Preise. Wenn sie Investitionen kürzen und die Nachfrage anzieht, steigen Preise. Zwischen beiden Punkten liegen oft schmerzhafte Quartale. In guten Phasen wirkt die operative Hebelung dann fast übertrieben: Der Umsatz steigt, während ein großer Teil der Kosten bereits in Fabriken, Anlagen und Abschreibungen steckt.

Ein vereinfachtes Beispiel zeigt die Mechanik. Wenn ein Speicherhersteller einen Chip für 100 verkauft und 85 an Kosten trägt, bleiben 15 Bruttogewinn. Steigt der Verkaufspreis auf 115, während die Kosten kurzfristig kaum mitziehen, verdoppelt sich der Bruttogewinn rechnerisch auf 30. Das Beispiel ist grob, aber es erklärt, warum kleine Preisbewegungen bei Speicherfirmen große Gewinnbewegungen auslösen können.

Genau hier unterscheidet sich Micron von Nvidia. Nvidia verdient bereits auf einem hohen Niveau. Weitere Zuwächse müssen gegen hohe Erwartungen anlaufen. Micron kann dagegen von einer niedrigeren Gewinnbasis kommen. Wenn Speicherpreise steigen und HBM-Mengen wachsen, können Schätzungen schneller nach oben rutschen, weil der Ausgangspunkt niedriger ist.

Die Börse kennt dieses Muster. Nach Phasen voller Überkapazität folgen in der Speicherindustrie oft Phasen, in denen Kunden plötzlich wieder um Liefermengen konkurrieren. Der Pandemieboom und der spätere Lagerabbau haben zuletzt gezeigt, wie schnell diese Branche von Knappheit zu Überfluss kippt. KI fügt dem alten Muster nun eine neue Nachfragequelle hinzu. Sie macht den Zyklus nicht harmlos. Sie kann ihn aber verlängern oder steiler machen.

Micron zählt, weil der Gewinn von niedriger Basis kommt

Für den S&P 500 zählt am Ende nicht die schönste Geschichte, sondern der Gewinnbeitrag. Nvidia bleibt wegen seiner Größe und Marge ein Schwergewicht. Doch der Index bewegt sich auch über Revisionen. Wenn ein großes Unternehmen schon als Gewinner gehandelt wird, braucht es mehr, um positiv zu überraschen. Wenn ein zyklischer Konzern aus dem Tal kommt, kann dieselbe Umsatzverbesserung stärker auf den Gewinn durchschlagen.

Micron steht deshalb an einer anderen Stelle der Kurve. Der Markt muss nicht glauben, dass Micron Nvidia ersetzt. Es reicht, dass Micron stärker als erwartet am KI-Investitionszyklus mitverdient und zugleich vom breiteren Speicherzyklus profitiert. Dann entsteht ein doppelter Hebel: mehr Spezialnachfrage durch HBM und bessere Preise in klassischen DRAM-Märkten.

Dieser Hebel ist für die Indexdebatte wichtiger, als er auf den ersten Blick wirkt. Der S&P 500 ist stark auf wenige große Technologiewerte konzentriert. Wenn die Gewinnstory dort breiter wird, sinkt die Abhängigkeit von einzelnen Namen. Wenn sie nicht breiter wird, bleibt KI an der Börse ein enger Trade mit hohen Erwartungen. Micron ist deshalb kein Nebenschauplatz. Es ist ein Test, ob KI-Gewinne in der Lieferkette ankommen oder vor allem bei den sichtbarsten Plattformfirmen hängen bleiben.

Die Gegenposition

Der Einwand gegen die Micron-These ist stark: Speicher bleibt ein zyklisches Massengeschäft, auch wenn HBM besser klingt als klassischer DRAM. Samsung, SK Hynix und Micron können Kapazitäten ausbauen, Kunden können Bestellungen verschieben, und hohe Preise locken neues Angebot an. Der Punkt ist ernst zu nehmen: Ein Gewinnsprung aus dem Zyklus ist weniger stabil als eine Plattform mit hoher Preissetzungsmacht.

Der Zyklus kann auch wieder gegen Micron laufen

Die harte Seite der Speicherindustrie verschwindet nicht, nur weil KI die Nachfrage hebt. Fabriken brauchen lange Planung, aber sie kommen irgendwann. Wenn mehrere Hersteller gleichzeitig auf bessere Preise reagieren, entsteht später das alte Problem: zu viele Chips, zu wenig Disziplin, fallende Margen. Dazu kommt, dass große Rechenzentrumskunden professionell einkaufen. Sie zahlen für Knappheit, aber sie mögen keine dauerhafte Abhängigkeit.

Auch HBM schützt nicht vollständig. Der technische Anspruch ist höher als bei Standard-DRAM, und die Nähe zu KI-Beschleunigern macht den Speicher wertvoller. Trotzdem bleibt es ein Komponentenmarkt. Kunden prüfen Qualität, Lieferfähigkeit und Preis. Wer heute knappe Kapazität verkauft, muss morgen beweisen, dass diese Knappheit nicht nur ein Übergang war.

Für die Gewinnmechanik im S&P 500 heißt das: Micron kann wichtiger werden, wenn die Speicherpreise und HBM-Mengen gleichzeitig tragen. Es wird gefährlich, wenn Investoren aus einem zyklischen Aufschwung eine lineare KI-Geschichte machen. Gerade bei Speicherchips liegen Boom und Kater traditionell nah beieinander.

Der Satz vom Anfang liest sich damit anders. „KI ist Nvidia“ bleibt als Kürzel für die erste Welle brauchbar. Für die nächste Gewinnwelle ist er zu knapp. Wenn der S&P 500 neue Gewinnfantasie sucht, kann sie ausgerechnet aus dem Geschäft kommen, das Investoren lange für zu alt, zu hart und zu zyklisch hielten: Speicherchips. Micron ist dann nicht die schönere KI-Geschichte. Es ist die Stelle, an der ein kleiner Preisdreh plötzlich sehr groß in der Gewinnrechnung steht.

lbn.
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