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Rohstoffe & Devisen okl / DFN-Redaktion · 7. November 2026, 11:34 Uhr · 5 Min. Lesezeit
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Stadtwerke zweifeln am Gasnetz, bevor das Gas knapp wird

Eine VKU-Umfrage legt den wunden Punkt der Wärmewende frei: Die Leitungen bleiben teuer, auch wenn weniger Haushalte sie nutzen und die Regeln fehlen.

Illustration: Stadtwerke zweifeln am Gasnetz, bevor das Gas knapp wird

Das deutsche Gasnetz wird zur Kostenfrage, lange bevor Deutschland ohne Gas dasteht. n-tv berichtet unter Berufung auf die „Bild“ und eine neue Umfrage des Verbands kommunaler Unternehmen, gut jedes dritte Stadtwerk wolle sein Gasnetz in den kommenden Jahren ganz oder teilweise stilllegen.

Das klingt nach Energiewende in Rohren. Es ist aber vor allem Bilanzkunde. Eine Leitung, die weniger Haushalte versorgt, wird nicht von selbst billiger. Sie muss weiter überwacht, gewartet und abgesichert werden. Der alte Trost der Infrastruktur, ihre große und verlässliche Kundschaft, beginnt zu schwinden. Übrig bleibt eine Anlage, deren Kosten sich auf weniger Schultern verteilen.

Die erste Rechnung kommt aus dem Rohrnetz

Laut n-tv wollen 13 Prozent der Stadtwerke ihre Gasnetze ganz herunterfahren. Das sind sechs Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr. Weitere 25 Prozent planen mit einer Mischung aus Stilllegung und Weiterbetrieb. Zusammen ergibt das nicht den großen Abriss mit Fanfare, sondern die kommunale Version des Rückzugs: Abschnitt für Abschnitt, Quartier für Quartier, mit viel Papier und wenig Pathos.

Der Befund ist gerade deshalb ernst. Stadtwerke sind keine modischen Start-ups, die Geschäftsmodelle im Quartalstakt wechseln. Sie betreiben Anlagen, die oft über Jahrzehnte gedacht werden. Wenn solche Betreiber über Stilllegung reden, hat sich die Rechnung im Keller der Energiewende verändert. Die Debatte verlässt die Prospekte über Wärmepumpen und Fernwärme. Sie erreicht das stille Vermögen unter der Straße.

Früher galt das Netz als Versicherung. Solange das Gas floss, war die Leitung nützlich. Solange genug Kunden angeschlossen waren, war sie bezahlbar. Diese Ordnung wirkt heute so altertümlich wie ein Sparbuch mit Zinskupon. Die neue Frage lautet nicht, ob eine Leitung technisch noch funktioniert. Sie lautet, wer sie bezahlt, wenn die Kundschaft abwandert.

Größenordnung
38 Prozent

So hoch ist laut n-tv der Anteil der kommunalen Betreiber, die noch unentschlossen sind, wie es mit ihrem Gasnetz weitergehen soll.

Weniger Kunden machen das alte Netz nicht billiger

Die Physik der Leitung ist schlicht, die Ökonomie weniger höflich. Viele Kosten eines Netzes fallen an, auch wenn weniger Gas hindurchgeht. Leitstellen verschwinden nicht, weil ein Straßenzug auf Fernwärme umstellt. Prüfungen enden nicht, weil ein Mehrfamilienhaus eine Wärmepumpe bekommt. Der Rückbau selbst kostet ebenfalls Geld. Auch eine Abschaltung ist kein Lichtschalter.

Damit dreht sich der Streit. Lange dominierte die Sorge, ob genug Gas verfügbar ist. Nach dem Energiepreisschock war das verständlich. Nun tritt ein nüchterneres Problem hervor: Die Infrastruktur kann zu groß werden für den Markt, den sie noch bedient. Ein schrumpfender Kundenkreis muss dann eine Anlage tragen, die für eine andere Energieordnung gebaut wurde.

Für die Kommunen ist das ungemütlich. Sie sollen die Wärmewende vor Ort organisieren, aber sie erben zugleich die Kosten der alten Wärme. Wer Fernwärme ausbaut, schwächt womöglich das Gasnetz. Wer am Gasnetz festhält, bindet Kapital, das an anderer Stelle fehlt. In der alten Welt galt Versorgungssicherheit als oberste Tugend. In der neuen Welt wird Überkapazität zur stillen Abgabe.

Wärmepumpen und Fernwärme ersetzen keine Netzrechnung

n-tv berichtet, 50 Prozent der Stadtwerke wollten künftig auf einen Heizungsmix aus Wärmepumpen und Fernwärme setzen. Das ist politisch anschlussfähig und technisch naheliegend. Für die Gasnetze ist es keine Antwort, sondern der Grund der Frage. Jede Heizung, die den Brennstoff wechselt, verbessert eine Klimabilanz vielleicht. Sie entzieht dem alten Netz aber einen Zahler.

Hier liegt der kleine Spott der Finanzgeschichte. Märkte, Ministerien und Verbände sprechen gern von Transformation, als bewege sich Kapital ohne Reibung von gestern nach morgen. In Wahrheit bleibt gestern meistens als Anlagebuchwert zurück. Rohre haben keine Meinung zur Klimapolitik. Sie haben Kosten.

Das Gegenargument verdient Beachtung. Dass der Anteil der Stadtwerke mit vollständigem Stilllegungsplan binnen eines Jahres gesunken ist, spricht nicht für kopflosen Rückbau. Es spricht für Vorsicht. Ein Netz kann in Teilen nützlich bleiben, etwa dort, wo Alternativen teuer oder langsam sind. Auch die Umfrage selbst zeigt kein einheitliches Lager. 25 Prozent planen eine Mischform, 38 Prozent sind noch unentschlossen.

Doch Unentschlossenheit ist bei Infrastruktur kein neutraler Zustand. Wer eine Straße, ein Wärmenetz oder eine Leitung betreibt, entscheidet ständig, auch wenn er offiziell noch wartet. Wartung wird verschoben oder vorgezogen. Investitionen werden kleiner, größer oder politisch heikler. Die modische Gewissheit, der Markt werde den Übergang schon richten, klingt in der kommunalen Kasse weniger elegant.

Grüne Gase lösen nur den bequemsten Teil des Problems

Insgesamt 17 Prozent der kommunalen Versorger wollen laut n-tv künftig komplett oder teilweise grüne Gase anbieten. Das hält einen Teil der alten Infrastruktur im Spiel. Es ist die angenehmste Erzählung für alle, die weder Rohre abschreiben noch Gewohnheiten ändern wollen. Aus dem alten Netz würde dann ein neues Netz mit anderem Inhalt.

Doch auch diese Variante verlangt Auswahl. Nicht jede Leitung muss bleiben, nur weil es einen klimafreundlicheren Brennstoff geben könnte. Nicht jeder Kunde wird warten, bis die Rechnung dazu fertig ist. Und nicht jede Kommune hat dieselbe Ausgangslage. Dichte Stadtviertel, ländliche Räume, alte Heizkessel und neue Quartiere passen schlecht in eine einzige Parole.

Der VKU drängt deshalb auf Regeln. VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing sagte der „Bild“ laut n-tv, bei vielen Stadtwerken gebe es große Unsicherheit. Ohne eine Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes, eine Biomethanstrategie, ein Wärmenetzgesetz und das Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz könnten Stadtwerke ihre Infrastruktur nicht rechtssicher planen und in die Wärmewende investieren. Sein Satz dazu ist knapp: „Hier brauchen wir schnellstmöglich Klarheit.“

Das ist Verbandsdeutsch, aber kein leeres. Der Zins ist die Schwerkraft der Vermögenspreise, und Regulierung ist bei Netzen der Boden darunter. Wenn der Boden fehlt, wird jeder Investitionsplan zu einer Vermutung. Stadtwerke können dann weder sauber abbauen noch verlässlich umbauen. Sie können nur warten, und Warten ist bei alter Infrastruktur selten billig.

Die Restkosten werden politisch, nicht technisch

Am Ende entscheidet nicht allein die Ingenieurkunst über das Gasnetz. Die Leitungen liegen bereits. Die viel schwerere Frage ist die Verteilung der Restkosten. Zahlen die verbleibenden Kunden mehr? Tragen Kommunen einen Teil? Werden Regeln geschaffen, die Rückbau und Umbau planbar machen? Die Technik kann Rohre schließen. Die Politik muss erklären, wer die Rechnung bekommt.

Damit verändert sich der Blick auf die Zahl vom Anfang. Gut jedes dritte Stadtwerk zweifelt nicht am Gasnetz, weil morgen das Gas fehlt. Es zweifelt, weil ein altes Netz in eine kleinere Zukunft hineinragt. Der teure Teil der Wärmewende beginnt nicht erst beim Mangel. Er beginnt dort, wo eine Leitung noch funktioniert, aber ihr Geschäftsmodell leise auszieht.

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„Die Energiewende macht Gasnetze zum Kostenproblem, bevor Gas knapp wird.“

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