US-Broker Cantor bringt Stablecoin-Firma Tether näher an Washington

Drei Monate gibt die ESMA Krypto-Plattformen in der EU, um Geschäfte mit nicht autorisierten Stablecoins für EU-Kunden zu beenden. Diese Frist erzählt mehr als eine Aufsichtsgeschichte aus Brüssel.
Sie zeigt, wohin die Stablecoin-Debatte gewandert ist. Früher ging es fast nur um die Frage, ob Tether wirklich genug Dollarreserven hält. Heute geht es um Zugang: Wer darf digitale Dollar ausgeben, wer verwahrt die Reserven, wer verdient an den Zinsen, und wer sitzt nah genug an Washington, um die neue Infrastruktur mitzuprägen?
Bei Tether und Cantor Fitzgerald wird diese Frage besonders greifbar. Laut CoinDesk verwaltet Cantor Fitzgerald die US-Reserven von Tether. Der Stablecoin-Emittent steht hinter USDT, dem größten Stablecoin nach Marktwert. Zugleich untersucht der demokratische US-Senator Richard Blumenthal die finanziellen Verbindungen zwischen beiden Firmen. Er schrieb laut CoinDesk am Donnerstag an Brandon Lutnick, den Chef von Cantor Fitzgerald.
Das Bemerkenswerte ist nicht, dass ein Senator Fragen stellt. Das Bemerkenswerte ist die Kette aus Dollarreserven, Staatsanleihen, Handelsliquidität und politischem Personal. Brandon Lutnick ist der Sohn von Howard Lutnick, der laut CoinDesk die Führung von Cantor an seinen Sohn übergab, als er als Handelsminister in die Regierung von Präsident Donald Trump wechselte. In dieser Konstellation wirkt USDT weniger wie ein Randprodukt der Kryptobörsen. Es wirkt wie ein privater Dollar-Kanal mit Anschluss an die Macht.
Die alte Reservefrage greift zu kurz
Die Reservefrage bleibt wichtig. Ein Stablecoin lebt davon, dass Nutzer glauben, ihn jederzeit gegen einen Dollar eintauschen zu können. Doch bei Tether ist die spannendste Frage inzwischen eine Stufe höher angesiedelt. Wenn ein Stablecoin groß genug wird, entsteht ein Geschäft rund um seine Deckung. Die Reserven liegen nicht einfach herum. Sie werden gehalten, verwaltet und oft in sicheren, verzinslichen Instrumenten geparkt, darunter US-Staatsanleihen.
Damit verschiebt sich der Blick. Stablecoins sind dann nicht nur Zahlungs-Token. Sie sind Nachfrage nach Dollar-Anlagen, ein Liquiditätsnetz für Kryptohandel und ein Gebührenmodell für jene Firmen, die zwischen Emittent, Banken, Brokern und Staaten stehen. Wer diese Schnittstelle kontrolliert, verdient nicht nur am Kryptozyklus. Er verdient an der Infrastruktur, auf der der Kryptozyklus läuft.
Genau deshalb ist Cantor Fitzgerald in dieser Geschichte mehr als ein Dienstleister. Das Haus verwaltet laut CoinDesk Tethers US-Reserven und teilt mit Tether weitere Geschäftsinteressen. Die Nähe wird politisch relevant, sobald ein Stablecoin so groß wird, dass seine Reserveverwaltung wie ein Schattenstück des Dollar-Systems aussieht.
Stablecoins stärken die internationale Rolle des Dollars. Sie schaffen rund um die Uhr handelbare Liquidität und können Nachfrage nach US-Staatsanleihen erzeugen.
Private Emittenten und ihre Partner sammeln Macht an einer Stelle, die früher Banken, Aufsehern und Zahlungsnetzwerken vorbehalten war.
Wall Street entdeckt den Dollar auf der Blockchain
Die zweite Spur führt an die Wall Street. CoinDesk berichtet über einen 79 Seiten langen Bericht von Citrini Research zur Tokenisierung. Gemeint ist die Abbildung traditioneller Vermögenswerte wie Aktien oder Anleihen als digitale Token, die auf Blockchain-Systemen bewegt werden können.
Citrini argumentiert laut CoinDesk, dass die größten Gewinner dieser Entwicklung womöglich nicht Bitcoin oder Ether sind. Profitieren könnten eher Firmen und Protokolle, die Gebühren aus Handel, Kreditvergabe und Zahlungen ziehen. Genannt werden unter anderem Securitize, Coinbase, Robinhood, Circle, Figure, SoFi und Bullish. Bei Krypto-Token verweist Citrini laut CoinDesk auf Namen wie Aerodrome, Maple, Ondo, Pendle und Derive, warnt aber zugleich, dass mehr Blockchain-Aktivität nicht automatisch höhere Tokenpreise bedeutet.
Diese Warnung ist der nüchterne Teil der Euphorie. Tokenisierung klingt nach einem Krypto-Sieg. In Wahrheit kann sie auch bedeuten, dass die alten Finanzhäuser die besten Gebührenpools besetzen. Stablecoins liefern dafür das Schmiermittel. Sie machen Abwicklung schneller, Sicherheiten beweglicher und Dollar-Liquidität programmierbar. Wer den Dollar-Token stellt oder seine Reserven verwaltet, sitzt nicht am Rand. Er sitzt an der Mautstelle.
Regulierung macht USDT politischer, nicht kleiner
Europa verschärft nun die Regeln. Die ESMA verlangt laut CoinDesk von autorisierten Krypto-Plattformen, Dienste zu stoppen, mit denen EU-Kunden nicht MiCA-konforme Stablecoins handeln oder ihre Bestände erhöhen können. Die Behörde nennt keine einzelnen Token. CoinDesk weist aber darauf hin, dass Tethers USDT das prominenteste große Beispiel eines nicht unter MiCA autorisierten Stablecoins ist. Auch PayPal USD wird als nicht autorisiert genannt.
Die MiCA-Regeln für Stablecoins gelten laut CoinDesk seit Juni 2024. Sie verlangen unter anderem Zulassung, Reserve-, Rückzahlungs- und Offenlegungspflichten. Restbestände sollen nach der ESMA-Linie abgewickelt werden, während Nutzer noch verkaufen, tauschen, abheben, übertragen oder verwahren können.
Das klingt nach Eindämmung. Es kann aber auch das Gegenteil bewirken. Wenn Europa USDT aus regulierten Kanälen drängt, wird der Stablecoin nicht automatisch bedeutungslos. Er wandert stärker in jene Märkte und Plattformen, in denen Dollar-Liquidität zählt und EU-Regeln weniger Zugriff haben. Gleichzeitig steigt der Wert für Anbieter, die regulatorisch passende Alternativen bauen. Circle und andere regulierungsnahe Spieler dürften diese Entwicklung sehr genau lesen.
Politischer Zugang wird zum Geschäftsmodell
Das stärkste Gegenargument lautet: So funktioniert Finanzinfrastruktur immer. Große Zahlungs- und Wertpapiermärkte brauchen Verwalter, Market Maker, Juristen und politische Ansprechpartner. Niemand sollte überrascht sein, dass ein großer Stablecoin-Emittent mit einem großen Wall-Street-Haus arbeitet.
Der Einwand trägt. Er macht die Sache aber nicht kleiner. Er macht sie größer. Wenn Stablecoins normale Finanzinfrastruktur werden, dann gelten auch die normalen Fragen der Finanzmacht. Wer verdient an den Reserven? Wer trägt das Reputationsrisiko? Wer bekommt Anrufe aus Behörden? Wer kann Regeln früh deuten, weil er im politischen Betrieb vernetzt ist?
Bei Cantor und Tether laufen diese Fragen zusammen. Man muss keinen geheimen Plan unterstellen, um die Struktur zu sehen. Ein privater Stablecoin-Emittent erzeugt riesige Dollarbestände. Ein Wall-Street-Haus verwaltet wichtige Reserven. Ein früherer Chef dieses Hauses sitzt als Handelsminister in der Regierung. Sein Sohn führt das Unternehmen. Ein führender Demokrat im Senat will Antworten.
Die Stablecoin-Debatte wird dadurch erwachsener und unbequemer. Sie dreht sich nicht mehr nur um Kryptobörsen, Hacker und einzelne Token. Sie handelt vom Dollar selbst, von seinen privaten Vertriebskanälen und von den Firmen, die aus Geldpolitik, Marktliquidität und Regulierung ein Geschäftsmodell formen.
Blumenthal schrieb laut CoinDesk, so wie Tether mit Zinsen und Investments aus Stablecoins profitiert habe, die in illegalen Aktivitäten genutzt worden seien, habe auch Cantor Fitzgerald von seiner Beziehung zu Tether profitiert.
„Stablecoins sind inzwischen eine Machtfrage des Dollar-Systems.“







