US-Löhne treiben den Dollar stärker als 90.000 neue Stellen

Im Handelsverlauf reichte ein Satz von John Williams, um die Zinswette an der Wall Street zu drehen. Der Chef der Fed in New York sagte laut n-tv, die Fed habe Zeit, die Daten vor dem nächsten Zinsschritt abzuwägen. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Oktober fiel nach Angaben von n-tv im CME-FedWatch-Tool auf gut 51 Prozent. So fein arbeitet der Devisenmarkt vor wichtigen Daten: Ein Satz genügt, und aus Gewissheit wird wieder Rechenarbeit.
EUR/USD notiert am Mittwochabend in der Referenz bei 1,1343 Dollar und bewegt sich damit kaum. Die Ruhe täuscht. Am Freitag kommt der US-Arbeitsmarktbericht, und die Markterwartung kreist um 90.000 neue Stellen. Diese Zahl wird die Überschriften füllen. Für den Dollar kann aber eine andere Zeile schwerer wiegen: die Stundenlöhne. Wenn sie zu fest bleiben und die Arbeitslosenquote nicht steigt, bekommt die Zinssenkungsfantasie Risse. Der Dollar lebt derzeit weniger von amerikanischer Stärke als von der Frage, wie lange die Fed den Zins oben halten muss.
Die Jobzahl ist laut, die Lohnzahl wirkt im Zins
Die 90.000 neuen Stellen sind ein bequemes Maß. Eine Zahl, ein Urteil, ein Marktimpuls. Fällt sie schwach aus, ruft der Reflex nach weniger Zinsdruck. Fällt sie stark aus, fürchtet der Markt eine straffere Fed. Devisen sind selten so höflich, sich an solche Schlichtheit zu halten.
Die Stundenlöhne berühren die Inflationsfrage direkter. Steigende Löhne sind nicht automatisch Inflation. Doch sie erhöhen den Spielraum der Haushalte, höhere Preise zu tragen. Für die Fed zählt deshalb, ob der Arbeitsmarkt nur weniger Leute einstellt oder ob er wirklich abkühlt. Das ist ein Unterschied, den die Schlagzeile über neue Stellen oft verschluckt.
Für EUR/USD läuft die Mechanik über den Zinsabstand zwischen Dollarraum und Euroraum. Steigen die Erwartungen an länger hohe US-Zinsen, wird der Dollar attraktiver. Sinkt diese Erwartung, bekommt der Euro Luft. Die Lohnzahl ist dabei der Prüfstein, ob ein schwächerer Stellenaufbau schon genügt, um die Fed milder zu stimmen. Ein magerer Jobaufbau bei festen Löhnen wäre für Dollar-Bären eine unangenehme Kombination.
Feste Löhne und eine stabile Arbeitslosenquote halten die Fed vorsichtig. Dann reicht eine schwächere Jobzahl nicht, um rasche Zinssenkungen glaubwürdig zu machen.
Wenn neue Stellen deutlich schwächer ausfallen und die Arbeitslosenquote steigt, liest der Markt den Bericht als späte Abkühlung. Dann kann der Dollar trotz Lohnträgheit nachgeben.
Schwaches Verbrauchervertrauen macht die Lage nicht einfacher
Der Konjunkturhintergrund passt auf den ersten Blick zur Zinssenkungsgeschichte. Laut tagesschau.de fiel der US-Verbraucherindex im September auf 81,9 Punkte und damit auf den niedrigsten Stand seit April 2014. Besonders trüb blicken die Haushalte auf das kommende halbe Jahr. Der Erwartungsindex sank laut tagesschau.de auf 63,6 Punkte. Werte unter 80 gelten dort als Warnsignal für ein erhöhtes Rezessionsrisiko.
Das klingt nach einem Dollar-Problem. Der private Konsum ist der wichtigste Motor der amerikanischen Wirtschaft. Wenn die Haushalte mürrisch werden, bremst der Motor. tagesschau.de nennt anhaltende Inflation, Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und die Lage am Arbeitsmarkt als Gründe für die schlechte Stimmung.
Doch genau darin liegt die Zumutung für den Markt. Schwaches Vertrauen und zähe Preise können zusammen auftreten. Der Wähler nennt es Lebenshaltungskosten. Die Notenbank nennt es ein Datenproblem. Für den Dollar zählt, welche Seite im Arbeitsmarktbericht bestätigt wird: die nachlassende Nachfrage nach Arbeit oder die fortdauernde Lohnspannung. Das eine drückt den Dollar über sinkende Zinserwartungen. Das andere stützt ihn, weil die Fed weniger Spielraum bekommt.
Hohe Renditen geben dem Dollar noch eine Reserve
Der Markt handelt diese Frage nicht im luftleeren Raum. n-tv berichtet, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen zeitweise auf 5,293 Prozent stieg. Das war der höchste Stand seit Juni 2007. Dreißigjährige Papiere erreichten laut n-tv mit 5,6206 Prozent ein Hoch seit Juni 2002. Das sind keine dekorativen Zahlen. Sie sind der Preis des Wartens.
Hohe Renditen machen den Dollar widerstandsfähiger, solange die Fed nicht klar auf Lockerung schaltet. Wer Euro gegen Dollar hält, handelt auch den Ertrag der jeweiligen Währung. Bleiben US-Renditen oben, trägt der Dollar einen Zinsvorteil. Dieser Vorteil kann einen Teil der konjunkturellen Zweifel überdecken, zumindest solange die Daten keine abrupte Schwäche erzwingen.
Der historische Seitenblick ist hier nützlich. Auch frühere Zinszyklen endeten selten mit einem einzigen schwachen Datenpunkt. Märkte lieben den Augenblick, Notenbanken lieben Serien. Williams hat mit seiner Bemerkung zur Geduld nicht kapituliert. Er hat die Latte für den nächsten Zinsschritt an die Daten zurückgegeben. Genau deshalb kann ein Bericht mit schwacher Jobzahl und festen Löhnen den Markt mehr verwirren als beruhigen.
- Fri 02.10., 14:30 Uhr: USA – Stundenlöhne (Monat) (erwartet 0,3 % nach 0,3 % zuvor)
- Fri 02.10., 14:30 Uhr: USA – Arbeitsmarktbericht (neue Stellen) (erwartet 90K nach 162K zuvor)
- Fri 02.10., 14:30 Uhr: USA – Arbeitslosenquote (erwartet 4,1 % nach 4,1 % zuvor)
Am Freitag zählt die Zusammensetzung des Berichts
Für EUR/USD ergibt sich daraus eine klare Rangfolge. Die Jobzahl setzt den ersten Impuls. Die Stundenlöhne und die Arbeitslosenquote entscheiden, ob dieser Impuls Bestand hat. Eine schwache Zahl neuer Stellen bei nachlassenden Löhnen und höherer Arbeitslosigkeit wäre die sauberste Vorlage für Dollar-Schwäche. Der Markt könnte dann die Zinssenkungsfantasie wieder ausbauen.
Anders liest sich ein Bericht, der nur an der Oberfläche schwach ist. Bleibt die Arbeitslosenquote niedrig und steigen die Löhne weiter kräftig, erhält die Fed ein Argument gegen schnelle Erleichterung. Dann kann der Dollar zulegen, obwohl die Schlagzeile über die Jobs enttäuscht. Das wirkt widersprüchlich nur für jene, die Arbeitsmarkt gleich Stellenzahl setzen.
Die Fed schaut auf den Arbeitsmarkt, weil er die Inflation entweder entschärft oder verlängert. Die Devisenhändler schauen auf die Fed, weil sie den Zinsabstand prägt. Und EUR/USD schaut auf beides, auch wenn der Bildschirm am Freitag zunächst nur eine große Jobzahl ausspuckt.
Der Satz von John Williams liest sich deshalb nach dem Verbrauchervertrauen anders als im ersten Moment. Die Fed hat Zeit, sagte er sinngemäß. Der Markt hörte darin Erleichterung. Am Freitag kann dieselbe Geduld für den Dollar wieder unbequem werden, wenn die Löhne nicht mitspielen. Dann sind 90.000 neue Stellen nur die laute Zahl. Die leisere Zahl auf dem Lohnzettel hätte das letzte Wort.







