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Meinung mkr / DFN-Redaktion · 25. October 2026, 12:34 Uhr · 4 Min. Lesezeit
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Europa spart sein letztes Penicillin-Werk kaputt

Sandoz produziert in Kundl noch Penicillin vom Rohstoff bis zum Endprodukt. Genau diese Reserve passt schlecht zu Europas Billiglogik im Einkauf.

Illustration: Europa spart sein letztes Penicillin-Werk kaputt

Europa kauft seine Arznei-Abhängigkeit seit Jahren selbst ein. n-tv berichtet, dass dem letzten vollständig integrierten Penicillin-Werk Europas im österreichischen Kundl eine ungewisse Zukunft droht, weil chinesische Anbieter deutlich billiger produzieren.

Eine bemerkenswerte Eigenschaft von Versorgungssicherheit ist, dass sie im Krisenpapier sehr wertvoll klingt und in der Ausschreibung sehr teuer aussieht. Also gewinnt oft der Preis. Danach wundert sich die Politik, dass die Fabrikhalle leerer wird und die strategische Autonomie im Container aus China liegt.

Die Fabrik ist die Versicherung, die niemand bezahlen will

Der Standort Kundl gehört zu Sandoz. Laut n-tv stellt die Anlage Penicillin vom Rohstoff bis zum Endprodukt her. Das ist in Europa inzwischen eine Ausnahme, und genau deshalb ist der Fall mehr als eine lokale Werksschließungsgeschichte aus Tirol.

2022 wurden Penicillin-Vorräte knapp, berichtet n-tv. Die EU gab damals Gelder frei, um Kundl auszubauen. Die Erweiterung kostete 200 Millionen Euro, davon kamen 50 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln. Man könnte sagen: Europa hat die Versicherungspolice mit unterschrieben. Es hat nur versäumt, die laufende Prämie politisch ernst zu nehmen.

Standortleiterin Stephanie Jedner sagte laut n-tv, Europa wäre bei einer Schließung bei diesem lebenswichtigen Antibiotikum „vollständig abhängig“ von China. Das ist kein besonders exotisches Szenario. n-tv berichtet auch, dass mehrere Wettbewerber bereits angekündigt haben, ihre Produktion einzustellen oder nach China zu verlagern.

Kurz beantwortet
  1. Warum ist Kundl wichtig? Laut n-tv ist es Europas einzige Anlage, die Penicillin vom Rohstoff bis zum Endprodukt herstellt.
  2. Warum steht das Werk unter Druck? Chinesische Konkurrenz produziert dieselben Antibiotika und Wirkstoffe zu deutlich niedrigeren Kosten.
  3. Was prüft Sandoz nun? Sandoz hat die Europäische Kommission laut n-tv um eine Antidumping-Untersuchung gebeten, die zu Strafzöllen führen könnte.

Der billigste Anbieter gewinnt, bis der letzte Anbieter übrig bleibt

Die öffentliche Beschaffung ist oft ein großartiger Apparat zur Entdeckung des niedrigsten Preises. Sie ist weniger gut darin, die Kosten eines verschwundenen Lieferanten zu berechnen. Diese Kosten stehen selten sauber in der Tabelle. Sie erscheinen später als Engpass, Sonderprogramm oder Gipfeltreffen.

Natürlich entlasten niedrige Preise die öffentlichen Gesundheitssysteme. n-tv nennt genau diesen Punkt. Wer Arzneimittel für Millionen Patienten einkauft, darf den Preis nicht ignorieren. Der Steuerzahler ist kein romantischer Mäzen für industrielle Nostalgie.

Aber bei Penicillin geht es nicht um Nostalgie. Es geht um eine Grundversorgung, bei der Europa offenbar nur noch einen vollständig integrierten Produktionsstandort hat. Wenn dieser Standort dauerhaft gegen Anbieter konkurriert, deren Kostenbasis deutlich niedriger ist, dann ist das Ergebnis der Ausschreibung vorhersehbar. Der billigere Anbieter gewinnt. Der teurere Anbieter schrumpft. Am Ende kauft Europa sehr günstig ein Produkt, das es selbst kaum noch herstellen kann. Das nennt man dann Effizienz, bis sie stört.

Strafzölle lösen das falsche Problem nur halb

Sandoz hat die Europäische Kommission laut n-tv um eine Antidumping-Untersuchung gebeten. Eine solche Untersuchung soll klären, ob Produkte zu unfair niedrigen Preisen angeboten werden. Daraus könnten Strafzölle auf chinesische Produkte folgen.

Das kann im Einzelfall berechtigt sein. Es ändert aber nicht automatisch die Logik des europäischen Einkaufs. Wenn Krankenhäuser, Kassen oder staatliche Stellen weiter fast ausschließlich auf den niedrigsten Preis schauen, bleibt Kundl auch mit Zollschutz ein politischer Sonderfall statt ein tragfähiges Geschäftsmodell.

Die Gegenposition

Billige Importe sind für Gesundheitssysteme wichtig, weil jeder Euro nur einmal ausgegeben wird. Höhere Preise für Antibiotika können an anderer Stelle fehlen. Der Punkt ist ernst zu nehmen: Versorgungssicherheit darf nicht als Blankoscheck für ineffiziente Strukturen missbraucht werden.

Gerade deshalb wäre Ehrlichkeit hilfreich. Wenn Europa eine heimische Produktionsreserve will, muss es sie als Reserve bezahlen. Wenn es das nicht will, sollte es aufhören, jeden Abbau von Kapazität als überraschende strategische Niederlage zu inszenieren. Märkte reagieren auf Preise. Das ist ihre nervige, aber zuverlässige Eigenschaft.

Souveränität beginnt vor der Pressekonferenz

Die Politik spricht gern von Souveränität, wenn die Abhängigkeit sichtbar wird. Dann klingt Industriepolitik nach Feuerwehr. Bei Penicillin kommt diese Feuerwehr spät, denn die Anlage in Kundl konkurriert laut n-tv mit Billigware aus China, während bereits andere Anbieter aufgeben oder verlagern.

Es gibt einen nüchternen Deal, den Europa aussprechen muss. Entweder der Kontinent akzeptiert höhere laufende Kosten für bestimmte kritische Güter. Oder er akzeptiert die Abhängigkeit von Lieferketten, die im Normalbetrieb billig und in der Krise unbezahlbar sein können.

Die bequemste Variante ist die bisherige: billig ausschreiben, Abhängigkeit beklagen, Fördergeld nachschieben, nächste Ausschreibung wieder billig schreiben. Diese Schleife wirkt sparsam. Sie ist nur teuer getarnt.

Wer Souveränität will, muss sie einkaufen, bevor die Fabrikhalle leer ist.

mkr.
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